Impuls / Predigt
Beten – arbeiten – Maul halten?
„Bet und arbeit, sei nicht faul, bezahl deine Steuern und halt´s Maul!“ - Diesen Spruch fand ich auf einer alten Steintafel an einem Herrenberger Haus. Was halten Sie davon? Ist Ruhe wirklich die erste Bürgerpflicht? Fromme, fleißige und vor allem handzahme, bequem zu leitende Bürger: Ist das der Wunsch der Bürgermeister und Regierenden?
Es gibt sie: Bürger, die schaffen, zahlen und ansonsten ihre Ruhe haben wollen. Für Politik sind „die andern“ zuständig. Da kennt man sich nicht aus und deshalb hält man sich raus. Das nennt sich dann „Politikverdrossenheit“.
Als ich den Spruch gelesen habe, musste ich an Herrn Ärmel denken. Herr Ärmel ist eine Figur aus dem Buch „Jim Knopf“ von Michael Ende. Dieses Kinderbuch ist an manchen Stellen auch eine wunderbare politische Satire! Denn Herr Ärmel ist von Beruf „Untertan“ und nur auf der Welt, um regiert zu werden und seinem Regierungsoberhaupt treu und brav „Hurra“ zuzurufen. Der Spruch an dem Herrenberger Haus könnte also von so einem Herrn Ärmel stammen: Beten, arbeiten, Maul halten!
Es wird immer Menschen geben, die lassen sich lieber bestimmen als dass sie mitbestimmen wollen. Mir stört, wie die Religion da missverständlich mit hinein gezogen wird. Beten und Arbeiten, „ora et labora“ ist ursprünglich der Leitspruch der Benediktinermönche. Ihnen geht es darum, sich in ihrer täglichen Routine immer wieder zu unterbrechen. Sie sehen das Gebet als einen Freiraum, den sie betreten und darin ihr Leben und ihre Wertigkeiten neu bedenken, ordnen und sortieren.
„Beten und Arbeiten“ war, ist und bleibt die Kurzformel für ein sehr bewusstes Leben. Das schließt für mich ein politisches Bewusstsein mit ein. „Politik“ kommt vom griechischen Wort „polis“, Stadt. „Suchet der Stadt Bestes“ ist eine biblische Aufforderung. Und die gilt nicht nur für politische Mandatsträger sondern für alle Bürgerinnen und Bürger! Bewusst in einer Stadt, einem Land, und auf dieser Welt leben heißt, politisch mitdenken, mitentscheiden, mitgestalten.
Ein Forum dafür ist auch der 1. Mai. Hier steht traditionell das für unsere Identität so wichtige Thema „Arbeit“ im Mittelpunkt. Hier wird miteinander überlegt und auch miteinander gerungen, wie der Faktor „Arbeit“ sozial in unserer Gesellschaft gestaltet werden kann.
„Bet und Arbeit“, das heißt für mich: Überlegen, was zu tun ist und tun, was überlegt ist. Solche Bürger wünschen sich unsere Bürgermeister, da bin ich sicher. Beten, Arbeiten, Maul halten – wer will denn schon ein „Herr Ärmel“ sein?
Pfarrer Michael Knöller, Pfrondorf
Geschrieben am 29.04.2010
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