Impuls / Predigt
Farben kennen
„Grün ist meine Lieblingsfarbe“, erklärte ich meiner Schwester. Sie hatte natürlich eine andere. Lange konnten wir darüber streiten, welche Farbe schöner sei. Ich blieb bei grün. Vielleicht lag es daran, dass ich die Sommerzeit einfach mochte. Oft spielten wir mit anderen Kindern auf der Wiese unter belaubten Bäumen. Das Gras duftete und die Blätter raschelten leise im Wind. Bis heute gefällt mir die Zeit, da die Sonntage nach dem Dreieinigkeitsfest nummeriert sind. Altar und Kanzel in der Kirche tragen grüne Behänge. Im Sommer reifen die Gartenfrüchte und wächst das Getreide auf dem Feld. Die Natur spielt mit ihren Farben.
Farben weisen den Weg. Ampeln regeln mit ihnen den Straßenverkehr. Nationen messen ihnen symbolische Bedeutung zu. Frankreich, Russland, USA und noch mehr Staaten kombinieren blau, weiß und rot in ihren Flaggen. Bisweilen kennzeichnen Farben politische Ausrichtungen. Frei nach der Verbindung „rot-grün“ sprechen Medien heute meist von der „schwarz-gelben“ Regierung. Der Ausdruck „christlich-liberal“ hat inzwischen Seltenheitswert. Farben bedeuten etwas und verweisen auf Inhalte. Wer Farben kennt, ist im Vorteil.
Trotz moderner Technik bleiben wir auf die Natur angewiesen. Frühere Generationen haben sich noch stärker an ihren Rhythmen orientiert. Aufgang und Untergang der Sonne bestimmen den Arbeitstag von Bauer und Bäuerin. In vielen Ländern bewältigen arme Menschen kaum ihren Alltag. Mühsam ringen sie dem kargen Boden Korn oder Reis ab. Kommt es zu einer Umweltkatastrophe - zu verheerenden Überflutungen oder Waldbränden -, wird das Ausmaß der Armut und des Elends für die Betroffenen unerträglich. Grün weicht schlammbraun oder aschegrau.
Nach vierzig Tagen machte Noah das erste Mal das Fenster in der Arche auf. Mit seiner Familie und den Tieren überlebte er eine Katastrophe globalen Ausmaßes. Die Sintflut hörte auf, als eine Taube mit einem Ölblatt im Schnabel zurückkehrte. Gott schließt einen Bund mit den Menschen und Tieren. „Solange die Erde steht“, schildert die Bibel, „soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8). Als Zeichen dieses Bundes steht der Regenbogen am Himmel. Mit Noah sehe ich darin ein Zeichen der Hoffnung. Eine Farbe allein bleibt begrenzt. Sonnenlicht enthält viele Farben. Der Regenbogen im Sommer erinnert mich an den, der alle Farben kennt.
Pfarrer Gerd Ziegler, Referent im Evangelischen Dekanatamt Tübingen
Geschrieben am 28.08.2010
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