Impuls / Predigt
Die Kunst der kleinen Schritte
„Sind Sie glücklich?“ Was für eine Frage, denkt sie. Etwas zudringlich dafür, dass wir uns gar nicht kennen. Der Smalltalk mit dem Mann, der seit einer Viertelstunde neben ihr im ICE sitzt, hat es auf einmal in sich. Irgendetwas ärgert sie an dieser Frage. „Kann man denn überhaupt glücklich sein? Jeden Tag passieren schlimme Dinge!“ kontert sie. „Ok, ok.“ Ihr Sitznachbar macht eine entschuldigende Geste und schweigt. Sie wird nachdenklich. Es ist ja nicht so, dass es ihr wirklich schlecht geht. Bleibt das eigene Leben nicht immer hinter den Wünschen und Erwartungen zurück? Vielleicht wäre ich glücklich, wenn ich anders wäre, denkt sie. Zielgerichteter in dem, was ich tue. Vielleicht wäre ich glücklich, wenn die Mitmenschen, mit denen ich am meisten zu tun habe, anders wären. Oder wenn ich nicht soviel Stress hätte. “Wieso fragen Sie mich das eigentlich?“ will sie jetzt wissen. „Ich stelle vielen Menschen diese Frage. Jeder will glücklich sein, und nur wenige schaffen es.“ Jetzt entspinnt sich doch ein Gespräch zwischen den beiden Reisenden darüber, warum manche, die viel haben, unglücklich sind und andere, denen vieles fehlt, glücklich sind. “Wenn Sie schon so oft Leute gefragt haben: haben Sie denn auch Antworten bekommen?“ „Ja, hin und wieder schon. Warten Sie mal, jemand hat mir mal einen Text gegeben.“ Er kramt in seiner Tasche. „Wussten Sie, dass Saint-Exupery ein Gebet geschrieben hat?“ „Der vom ‚Kleinen Prinz’?“ „Ja, der.“ „Nee, wusste ich nicht.“ „Hier ist es. Können Sie behalten. Es handelt davon, dass wir zu viel erwarten. Ich muss jetzt aussteigen. War nett mit Ihnen zu reden.“
Eigentlich betet sie nicht. Doch als er weg ist, liest sie neugierig: „Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Gott, sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Mach mich sicher in der rechten Zeiteinteilung. Schenk’ mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Schenk’ mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten und Niederlagen, …eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen... Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte mit oder ohne Worte an der richtigen Stelle abzugeben. Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen…“ Sie fühlt sich beschenkt. Dieser Moment ist ein glücklicher Moment.
Pfarrerin Angelika Volkmann, Tübingen
Geschrieben am 30.07.2010
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