Impuls / Predigt
Mehr als du glaubst
„Klinikseelsorge – mehr als du glaubst“. Mit diesem neuen Logo der Tübinger Klinikseelsorge wird unser Selbstverständnis von Seelsorge im Krankenhaus zusammengefasst. Als ökumenisches Seelsorgeteam haben wir zudem unsere Ziele formuliert: Wir wollen uns für andere unabhängig von ihrer religiösen Einstellung und kulturellen Prägung zum Gespräch bereithalten. Uns ein offenes Ohr und einen wachen Blick bewahren für das, was Menschen belastet und beglückt. In Wort und Bild zum Ausdruck bringen, was wir im Auftrag der beiden Kirchen täglich zu tun haben. Und wir wollen das Heilsame unseres Glaubens achtsam und unaufdringlich anbieten.
Beim selbstkritischen Bedenken unserer Ziele haben wir uns vor allem von der Frage leiten lassen: „Können wir auch halten, was wir versprechen?“
Mehr als Mann oder Frau sich da so vorstellt. Mehr als Sie meinen oder darüber denken. Mehr als du auf den ersten Blick vermutest. Mehr als ich mir selber zutraue und zu hoffen wage. Mehr als wir für wahr halten oder was unser Glaube austragen kann.
Neu ist diese Idee vom „Mehrwert“ freilich nicht. Im Herbst 1999 wurde die – inzwischen preisgekrönte – mediale Initiative „Kirche. Mehr als man glaubt“ in Stuttgart gestartet. Inzwischen hat uns die mediale Welle freilich auf andere Weise eingeholt. Tag für Tag kommen vermehrt auch die Schattenseiten mit ans Licht. Die neuesten Enthüllungen von Missbrauch und sexuellen Übergriffen belasten das Ansehen der Kirche schwer. Wieder einmal läuft sie Gefahr, ihr Gesicht zu verlieren.
Ganz überraschend kommt das für mich nicht. Wird mir doch bei meinen zahlreichen Begegnungen mit Menschen in den Kliniken so manches anvertraut. Da ist jetzt öffentlich gemacht und verhandelbar geworden, was sich im Schutzraum des seelsorgerlichen Gesprächsprozesses vereinzelt immer wieder offenbart.
Was mich aber erstaunt ist die Art und Weise, wie vor allem Patientinnen und Patienten auf die aktuelle Situation reagieren. Da begegnet mir kaum Häme oder bösartiger Spott. Im Umfeld von gekränkten und kranken Menschen lassen sich Tabuthemen offensichtlich anders besprechen. Vielleicht gibt es so etwas wie befreiende Betroffenheit und ein tiefes Wissen um Leid und Schuld.
Dafür steht jedenfalls das kugelförmige Kreuzsymbol in unserem neuen Logo.
Mitten im Berufsalltag und zwischen den vielen schrecklichen Schlagzeilen erinnert mich der Ausspruch „Seelsorge – mehr als du glaubst“ an meinen kirchlichen Auftrag. Mitten in einem säkularen Umfeld bin ich erwünscht, kann arbeiten und täglich für die Kirche gerade stehen. Und ich weiß nur zu gut: Zwar prägen unglaubwürdig und schuldig gewordene Menschen mit den vielen Opfern zusammen ihr Gesicht. Aber weil es die Chance der Umkehr, des Neuanfangs und der Heilung gibt, ist Kirche doch noch „mehr als man glaubt“.
Pfarrer Dieter Mattern, Klinikseelsorger, Tübingen
Geschrieben am 14.03.2010
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