Impuls / Predigt

Der Lehrer Deutschlands

Pressepfarrer Peter Steinle

„Der Lehrer Deutschlands“ ist ein großer Titel für einen nur 1,50 Meter kleinen Mann. Aber dieser Ehrentitel wurde auch nicht von einem Internetportal wie spickmich.de verliehen, sondern vom Volksmund: Philipp Melanchthon hatte sich schon als Tübinger Student und später als Professor in Wittenberg so leidenschaftlich für die Bildung der Jugend eingesetzt, dass man ihm noch zu Lebzeiten diesen Ehrentitel verlieh. Am kommenden Montag, 19. April jährt sich sein Todestag zum 450. Mal.

„Die Jugend in den Schulen zu vernachlässigen heißt nichts anderes, als den Frühling aus dem Jahr wegzunehmen“, war Melanchthons Überzeugung. Deshalb schrieb er Schulbücher und Lehrpläne, bildete Lehrer aus und gründete Schulen. Teilhabe und Freiheit durch Bildung – das bedeutete im Spätmittelalter: Wer lesen und schreiben kann, der ist nicht abhängig von der Vermittlung anderer – nicht im Leben und nicht im Glauben, nicht gegenüber Fürsten und nicht gegenüber Gott. Die Freiheit des Evangeliums fand ihren besonderen Ausdruck in der Bildungsbewegung der Reformation.

Teilhabe und Freiheit durch Bildung ist auch heute noch ein hochmodernes Anliegen: In einem Land, dessen Reichtum nicht auf Bodenschätzen, sondern auf Geisteskraft gründet, ist Bildung der entscheidende Faktor für Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Der Zugang zu Bildung darf deshalb nicht abhängig sein von Herkunft und sozialem Status der Eltern, fordert die Evangelische Kirche in ihrem Bildungspapier. So setzt sie sich in der Tradition Philipp Melanchthons ein für Bildungsgerechtigkeit: In ihren eigenen evangelischen Schulen, in der gesellschaftlichen Diskussion und gegenüber der Politik.

Das Universalgenie Philipp Melanchthon war übrigens viel mehr als nur der „Lehrer Deutschlands“: Als Freund und Mitarbeiter Martin Luthers war er aktiv beteiligt an der Reformation. Wenn Luther wegen Reichsacht und Kirchenbann nicht reisen konnte, führte Melanchthon die Religionsgespräche. Auch das wichtigste Dokument der Reformation, das Augsburger Bekenntnis, stammt aus seiner Feder. Dabei war er mehr als Luther auf Ausgleich bedacht; die Einheit der Kirche lag ihm genauso am Herzen wie deren Reformation. Dass sich das zweite Anliegen nur auf Kosten des ersten durchgesetzt hat, wäre für ihn sicher auch nach 450 Jahren noch schmerzlich. Nicht nur als „Lehrer Deutschlands“ ist Philipp Melanchthon deshalb ein Vorbild.

Pressepfarrer Peter Steinle, Tübingen

Geschrieben am 16.04.2010


  

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