Impuls / Predigt

Nur der liebe Gott darf mich wecken

Pfarrer Mathias Schmitz, Klinikseelsorger, Tübingen

So endet die Erzählung von Eric-Emmanuel Schmitt "Oskar und die Dame in Rosa". Der zehnjährige Oskar hat Leukämie. Er weiß, dass er sterben muss. Die Dame in Rosa ist seine Begleiterin im Krankenhaus. Sie nimmt ihn in den letzten Tagen seines Lebens innerlich an die Hand und gibt ihm die Freiheit, sein Leben wie im Zeitraffer zu vollenden. Als er stirbt, ist er eindrucksvoll gereift und gewachsen. Dabei bleibt er ein zehnjähriger Junge durch und durch. Oma Rosa ist es, die seine wirklichen Fragen spürt und zulässt. Sie ermutigt ihn, mit Gott zu rechnen, ihn in seine Gedanken und Fragen einzubeziehen und innere Erwartungen an ihn zu wagen. So wachsen in Oskar mit jedem Schritt seines Abschieds- wie auf einer anderen Seite   des Lebens- Vertrauen, Hoffnung und eine Kraft, die auch dieses Sterben trägt.

Aber nicht für alle ist das so: die Eltern, der Arzt, Pflegende, … Ihr Weg geht anders. Sie stehen draußen. Da ist Verzweiflung, Hilflosigkeit und das Gefühl, versagt zu haben. Keine Spur von Erfüllung.

Doch von Oskar her gesehen ist diese Tragkraft da. Ohne große Anstrengung, fast spielerisch leicht. Sie sind sich sehr nahe, Oskar und Oma Rosa. Offen für die Innenseite des Anderen. Offen auch für Gott.

Wer solche Abschiedswege schon einmal nahe begleitet hat, wer vielleicht sogar selbst schon einmal „hindurchgewachsen“ ist, kennt diese Innenseite und auch die Grenze, die da zur Außenwelt aufgerichtet ist. Es ist, als erlebe man etwas Heiliges.

Oft erlebt man beide Seiten des Sterbens zugleich! Die äußere, grausame. Und  von innen her doch einen Weg, der neue Tiefe eröffnet. Wer das Sterben eines Anderen an sich heranlässt, der ist nahe bei dem Christus am Kreuz. Der weiß, dass das Kraft kostet.

Doch wer sich dieser abgründigen Tiefe nicht verschließt, wird auf die Innenseite des Lebens gelangen, mit Gottes Hilfe. So wie Oskar und Oma Rosa. Karfreitag und Ostern gehören zusammen. Sind ein Weg. Sind ein Leben.

Oskar hatte an den letzten drei Tagen auf seinem Nachttisch ein Schild stehen: Nur der liebe Gott darf mich wecken! Spitzbübisch und nach einem unglaublich freien, ja österlichen Augenzwinkern klingt das. Die Botschaft ist doppelt: „Ihr helft mir jetzt nicht mehr. Ich will einschlafen. Haltet mich nicht.“ Und: “Ich weiß sicher, dass es den Einen gibt. Und von dem will ich mich gerne wecken lassen.“

Solche hintergründige Osterfreude wünsche ich Ihnen.

Pfarrer Mathias Schmitz, Klinikseelsorger, Tübingen

Geschrieben am 31.03.2010


  

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