Impuls / Predigt
Der wahre König lässt sich vom Esel tragen
In diesem Winter ist unsere große Palme erfroren. Ihre Blätter sind braun und verdorrt, bis in den Kern hinein. Alles wirkt wie tot. Wir können nur hoffen, dass aus Stamm oder Wurzel nochmals neue Blätter keimen. Früher haben wir von ihr jedes Jahr Blätter abgeschnitten, mit denen die Kinder zum Palmsonntag in die Stiftskirche zogen.
Morgen ist Palmsonntag. Diesjahr gibt es in der Stiftskirche keinen Einzug der Kinder, aber wir erinnern an die Hoffnung beim Einzug Jesu. Als er eine Woche vor seinem Tod auf dem Esel nach Jerusalem einritt, dachten die Leute an das Prophetenwort und erkannten in ihm den Friedenskönig. Wenn der Friedenskönig kommt, ist das Glück nahe. Dann ist alle Angst und Ungerechtigkeit zu Ende, dann blüht die Erde auf, alles erwacht wie im Frühling. Sie schnitten Palmzweige ab, legten sie ihm auf den Weg, und sangen ihm laut entgegen. Ganze Volksscharen liefen mit ihm, ließen sich von der Hoffnung anstecken, die er verkörperte.
Durch die Jahrhunderte lassen sich Menschen am Palmsonntag davon anstecken und ziehen mit ihren Zweigen durch die Straßen und in die Kirchen. Sie spüren, dass mit diesem Einzug ein viel Größerer kommt, als wir alle erwarten konnten!
Als Kind hat mir der Palmesel gefallen. Nicht nur der, den man hölzern und auf Rädern in alten Kirchen oder im Museum bewundert. Der Palmesel von Remmingsheim steht heute im Diözesanmuseum in Rottenburg. „Palmesel“ nannte man in meiner Kindheit lachend auch den, der am Palmsonntag am längsten schlief.
Der Esel ist ein Lasttier. Er gilt als störrisch, eigensinnig und geduldig. Volksbrauch und theologischer Tiefsinn kommen da zusammen. Der Esel bezeugt hier die Einfachheit und Güte Gottes. Daher atmet die Eselsgeschichte vom Palmsonntag etwas von Leichtigkeit, Nachsicht und Humor. Gott liebt die Esel, auch die menschlichen. Gerade sie sind würdig, Gottes Hoffnung in die Welt zu tragen. Und, Hand aufs Herz: Sind wir von Gott aus gesehen nicht alle bestenfalls Esel?
Das Schöne ist: Die Eseleien sind es nicht! Unsere tote Palme werden wir verschmerzen. Aber was mit Jesus kommt, ist so viel Leben, dass es uns selbst über den Karfreitag hinaus eine fröhliche Hoffnung gibt. Die einfachen Leute von Jerusalem haben das bei seinem Einzug begriffen.
Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer, Tübingen
Geschrieben am 26.03.2010
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