Impuls / Predigt

Wozu wir die Christbäume brauchen

Im letzten Jahr hat der Tübinger Gemeinderat unter dem Eindruck der Finanznot beschlossen, dass die öffentlichen Christbäume in den Stadtteilen abgeschafft werden. Rund 20 000 Euro sollten damit gespart werden. Jetzt im Advent wurde es ernst. Und da kehrten doch 2011 die Weihnachtsbäume wieder. Bürgerschaftliches Engagement und das Einlenken der Stadtverwaltung haben es möglich gemacht. Ich freue mich darüber!

Aber brauchen wir den Christbaum überhaupt? Der Christbaum stammt nicht aus der biblischen Tradition. Vor dem Stall von Bethlehem stand kein Tannenbaum. Der Christbaum gehört weder ins heilige Land noch zur christlichen Tradition der Alten Kirche. Man kann sagen: Der Weihnachtsbaum ist eine typisch deutsche Erfindung. 1539 wurde er in Straßburg erstmals urkundlich bezeugt. Im 19. Jahrhundert trat er seinen Siegeszug durch ganz Europa an.

Man kann die Geburt des Heilandes der Welt auch ohne Christbaum feiern. Christen feiern Weihnachten, damit alle Welt erfährt, dass Gott ein Gott der Liebe ist, verletzlich wie ein Kind, bedürftig wie ein Kind, beziehungsreich wie ein Kind, und darin der Retter und Heiland der Welt.

Und doch gibt es viele Bezüge zwischen dem Christbaum und der Weihnachtsbotschaft. Der Weihnachtsbaum mit den Lichtern ist wie der Sternenhimmel. Das sieht man besonders schön bei Nacht an den großen öffentlichen Christbäumen. Das Licht scheint in der Finsternis, und der Stern am Himmel ist es, der den Weisen den Weg zeigt. All diese biblischen Anklänge bündeln sich im Weihnachtsbaum. Aber es ist noch mehr. Der Christbaum erinnert an den Lebensbaum im Paradies. Die immergrüne Tanne ist Sinnbild der Hoffnung, Sinnbild des Lebens mitten in der Welt des Todes. Die Kugeln am Christbaum symbolisieren die Äpfel des Baums im Paradies. Und wir singen dann: Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Bis dahin sind es noch drei Wochen.

Die Wiederkehr der Christbäume auf die öffentlichen Plätze der Stadt ist ein Vorgeschmack auf die Rückkehr ins Paradies. Das neue Paradies, auf das wir hoffen, der neue Himmel und die neue Erde. Wo die Liebe siegt und Friede ist. Wo kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein wird. Es ist nicht die Rückkehr zur Natur, sondern der Ausblick auf die Vollendung.

Ja, wir brauchen den Christbaum, damit wir mit allen Sinnen die Botschaft vom neuen Himmel und der neuen Erde erfassen.

Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer, Tübingen

Geschrieben am 02.12.2011


  

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