Impuls / Predigt
Weltenretter gesucht?
„Helfen Sie mir. Bitte.“ Es ist morgens um kurz vor sieben am Tübinger Bahnhof. Eine Frau bittet einen jungen Mann um Hilfe. Ihr Trolley ist geklaut worden. Alles, was sie besitzt, ist weg. „Was willst du von mir? Ich hab‘s eilig.“ Der Mann läuft weiter. Auch ich husche an ihr vorbei. Mein Zug wartet nicht. In der Bahn meldet sich mein schlechtes Gewissen. Warum bin ich nicht stehen geblieben? Wer kümmert sich um mich, wenn ich Hilfe brauche? Mit einem Platten aber ohne Flickzeug am Straßenrand steh. Der Wochenend-Einkauf auf dem Kassenband liegt und meine zweijährige Tochter zum Ausgang läuft.
Ich erinnere mich an einen Satz von Jesus: „Was ihr für einen meiner Brüder oder meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind -, das habt ihr für mich getan.“ (Matthäus-Evangelium, Kapitel 25, Vers 40). Ein einfacher Satz. Ein guter Gedanke. Denn Gott geht es nicht um die großen Dinge. Er sucht keine Weltenretter, sondern Männer und Frauen, die sich für Andere stark machen. Andere, das sind Menschen, denen ich begegne und die ich in der Hektik des Alltags manchmal übersehe: die Frau am Bahnhof, der Mann von nebenan, das Kind auf dem Spielplatz. Er beschreibt, was ihm wichtig ist: Ihr habt mir zu essen gegeben als ich Hunger hatte. Ihr habt euch um mich gekümmert als ich krank war. Ich durfte euer Gast sein als ich fremd in der Stadt war. Es sind die großartigen Kleinigkeiten, die das Zusammenleben von Menschen bestimmen. Das scheinbar so Geringe für die anscheinend so Geringen ist letztlich das Großartige in Gottes Augen. Schön ist, dass wir dazu keine Macht, keine Ausbildung und keinen Reichtum brauchen. Wir brauchen nur die Bereitschaft es zu tun. Schön ist auch zu wissen, dass uns Gott selbst dabei begegnet.
Unser Jugendkreis ist neulich mit dem Zug nach Reutlingen gefahren. Unterwegs haben wir Äpfel an Mitreisende verteilt. Am Apfelstiel hing ein Zettel. Darauf stand: Mach‘s gut. Manche im Zug haben sich gewundert, Andere nachgefragt: Warum macht ihr das? Weil wir Ihnen etwas Gutes tun möchten. Und warum? Einfach so. Das war eine schöne Geste und eine tolle Erfahrung. Wir haben mit unserem kleinen Geschenk anderen eine große Freude gemacht.
Und neulich traf ich sie wieder: die Frau vom Bahnhof. Sie war in der Stadt unterwegs und hatte einen neuen Trolley bei sich. Gut, dachte ich. Gott sei Dank. Es hat sich jemand um sie gekümmert.
Angela Schwarz, Leitende Jugenreferentin im CVJM Tübingen
Geschrieben am 23.09.2011
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