Impuls / Predigt
Mut zum Trauern – Mut zum Leben
Die Diagnose lautet: Brustkrebs. Oder es droht eine Fehlgeburt.
Dies sind zwei Hiobsbotschaften, die Frauen erhalten können.
Die Betroffenen werden vermutlich nie vergessen, wie sie sich nach dem Erhalt dieser Nachricht gefühlt haben. Das Gefühl der Unwirklichkeit: „bin das wirklich ich, von der da die Rede ist? Das kann doch gar nicht sein!“ wird abgelöst durch langsames, mühsames Verstehen: „es ist mein Leben, das sich durch den Krebs verändern wird. Es ist unser Leben, in dem es dieses Kind nicht geben wird.“
Fragen brechen auf: „Wo ist Gott? Warum hat er nicht wie ein guter Vater für mich gesorgt und mich vor diesem Umbruch in meinem Leben bewahrt?“
Das Bedürfnis, jemandem die Schuld für die Erkrankung, für den Tod zu geben, kann sehr stark werden.
Dies sind Erfahrungen aus meiner Arbeit. Als Klinikseelsorgerin begleite ich Menschen, die mit der Nicht-Planbarkeit-des Lebens konfrontiert werden. Wenn plötzlich alles anders ist als gedacht und geplant, fallen viele Menschen in ein Gefühlchaos. Und eines dieser Gefühle ist Trauer. Denn es muss Abschied genommen werden. Abschied von der Brust so wie sie war, Abschied von einem werdenden Kind, Abschied von Vorstellungen, wie das eigene Leben sein soll.
Abschied nehmen aber ist mit Trauer verbunden.
Aber hat Trauer überhaupt Platz in unserer Gesellschaft? Manche Beobachtungen lassen daran zweifeln: Als ich letzte Woche die Zeitschrift Trottwar gekauft habe, entschuldigte sich der Verkäufer für das düstere Thema. Es lautet: Tod und Trauer. Die Karfreitagsgottesdienste werden relativ schlecht besucht; mit dem Tod Jesu haben offenbar nicht nur Kinder Schwierigkeiten. Und am Totensonntag, wie der morgige Sonntag im Kirchenjahr heißt, sind die Trauernden mehr oder weniger unter sich.
Aber die Trauer ist wichtig: Jeder Mensch muss in seinem Leben Abschied nehmen: sei es von der Gesundheit, sei es von der Vorstellung, dass das Leben immer planbar ist, sei es vom Glauben an einen Gott, der wie ein Filmemacher immer alles zu einem Happy End nach unseren Vorstellungen bringt. Es gehört Mut dazu, sich der Trauer zu stellen, und es gehört Mut dazu, trotz der Trauer mit Hoffnung zu leben. Ein Satz aus der Bibel ermutigt zu hoffnungsvollem Leben:
„Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“
Pfarrerin Carola Längle, evangelische Klinikseelsorge, Tübingen
Geschrieben am 18.11.2011
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