Impuls / Predigt

Die Queen und der König

Pfarrer Bernhard Schaber-Laudien

Die wartende Menschenschlange konnten wir einfach rechts liegen lassen, denn wir waren angemeldet zur Reichstagsführung. „Die Queen ist in Berlin und besucht heute den Reichstag!“, hatte morgens ein Kollege verkündet. Sir Norman Foster, der englische Architekt des Reichstagsumbaus, wartete nervös am Eingang zum Plenarsaal. Nach unendlichen Minuten der Spannung der erhebende Augenblick: sie kommt! Ganz automatisch erhoben wir uns alle, schauten und lauschten gespannt nach unten. Foster demonstrierte seiner Queen die raffinierte Funktion der Abgeordnetenstühle in „reichstagsblue“. Seine Erläuterungen aber drangen trotz der Stille im Saal nicht bis zu uns durch.  Nach wenigen Minuten wandte sich ihre königliche Majestät wieder dem Ausgang zu. Einige auf der Empore jubelten ihr zu. Sie ließ sich zu einem leichten Wink mit dem Arm bewegen. Nochmals Jubel. Dann blieb sie noch einmal kurz stehen und wandte sich zum Saal. Zwei Wortfetzen aus ihrem Munde konnte ich verstehen: „Very high“- „Sehr hoch“, sinnierte sie zum Architekten und wies mit ihrer Hand Richtung Glaskuppel. Dann schritt sie aus dem Saal - die ganze Aufregung war vorbei.

 „Very high!“: Solch unbedeutende Worte - und doch konnte ich sie mir merken. So belanglos die Worte waren - es waren Worte einer besonderen Person. Dadurch hatten sie Gewicht.

Im Advent bereiten wir uns auf die Ankunft des Königs der Welt vor. Doch Gott schickte vor gut 2000 Jahren nicht eine königliche Hoheit zur Besichtigung der Welt vorbei. Als Jesus in die Welt kam, war er unscheinbarer gekommen. Es blieb nicht bei einem Blick, nicht beim freundlichen Zuwinken, sondern in Jesus berührte Gott Menschen: mit Worten und Händen. In der Adventszeit erinnern wir uns daran, dass wir auf seine Wiederkunft warten. Das ist spannender als das Warten auf die Queen. Jesus hat uns für die Zeit des Wartens nicht belanglose Worte gegeben, sondern Worte des Lebens.

Worte, die bleiben, wenn alles vergeht.

Worte, bei denen es sich lohnt, sie zu lesen und immer wieder zu bewegen.

Das ist mehr, als über die Höhe des Reichstags zu grübeln, weil Jesu Worte wirklich mit uns zu tun haben.

Übrigens: Jesus Christus ist in jedem Gottesdienst da. An der Tür wird Sie kein Sicherheitspersonal filzen und Sie können sogar mit ihm reden. Naja und „very high“ ist unsere Kirche schließlich auch: Gott, dem Höchsten zugewandt, weil er sich zu uns herabgelassen hat!

Pfarrer Bernhard Schaber-Laudien, Ofterdingen

Geschrieben am 16.12.2011


  

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