Impuls / Predigt
"Heiliger Diebstahl"
Es gibt bekanntlich Menschen, denen nichts heilig ist. Diese Beobachtung mache ich sogar in unserer Klinikkapelle. Mehrfach ist schon der Opferkasten aufgebrochen worden. Eines Tages verschwand die Altarbibel. Neulich wurde das nagelneue Gedenkbuch entwendet. Ab und zu fehlt wieder das Losungsbüchlein, ein Gesangbuch oder das Andachtsheft. Über Weihnachten ist auch noch eine kleine Krippenfigur abhanden gekommen. An einem Mutterschaf, auf dessen Rücken ihr junges Lämmlein lehnt, hat offensichtlich jemand Gefallen gefunden. Es wird mir fehlen, wenn ich nach Lichtmess meine Weihnachtskrippe einpacke. Erneut steigt in mir die Gefühlsmischung aus Enttäuschung und Wut über solche Diebstähle in „heiligen“ Räumen auf.
Dieses verloren gegangene Schaf wird mich begleiten. Erinnert es mich doch an Geschichten aus der Heiligen Schrift, die etwas von göttlicher Menschenfreundlichkeit und Jesu nachgehender Fürsorge erzählen. Durch die Begegnung mit kranken Menschen weiß ich, wie manche ihre Hoffnung auf den guten Hirten, die Mutter Gottes oder ihren Schutzengel setzen. Und in den Krankenzimmern kann ich sehen, wie Glaubensworte durch Bilder und Gegenstände auf den Tischen symbolisiert oder be-greifbar werden. Mitten im klinischen Alltag und neben manchen aufklärenden Gesprächen, guten Gedanken und frommen Wünschen leuchtet da etwas auf von dem, was Menschen heilig ist.
Dabei ist mir bewußt, dass sich menschliche Vorstellungen und magisches Denken mit einmischen. Gebrauchen Menschen doch seit Alters Amulette und Fetische, von denen sie Schutz, Glück und Heilung erhoffen. Womöglich haben manche deshalb etwas aus der Kapelle mitgehen lassen. Sei es, dass sie sich davon Heilung und Hilfe erhofften, oder weil eine Abrechnung mit dem Himmel fällig war. Wenn ich jedenfalls die zu Herzen gehenden Bitten verzweifelter Angehöriger lese und an heftige Gefühlsausbrüche schwerkranker Menschen denke, würde mich das nicht wundern. Doch heiligt dieser Zweck dann auch die Mittlel? In der Frömmigkeitsgeschichte hat es so etwas immer wieder gegeben. Reliquiendiebstähle waren keine Seltenheit und unter der paradoxen Bezeichnung „heiliger Raub“ (sacra rapina) bekannt.
Für mich ist das ein verlockender, fast versöhnlicher Gedanke: Ein „heiliger Diebstahl“ könnte selbst auf unheiligem Wege etwas Heilsames in ein von Unglück und Heillosigeit überschattetes Leben bringen.
Pfarrer Dieter Mattern, Klinikseelsorger, Tübingen
Geschrieben am 27.01.2012
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