Impuls / Predigt

Jesus - ein Bild von einem Mann

Wann ist ein Mann ein Mann? In den Schlagzeilen lese ich zurzeit häufig von mächtigen Männer. Ich sehe Bilder von Männern, die wie die Herrscher der Welt auftreten. Männer sind das, denen scheinbar nichts etwas anhaben kann. Sind sie das, die „echten“ Männer? Ja, denke ich mir, einzelne Männer haben es in den letzten Jahren geschafft, dass viele Scheinwerfer auf sie gerichtet sind. Ich sehe, wie sie große Hebel in Bewegung setzen können – und damit Unheil anrichten. Schaue ich auf mich selbst, so überlege ich manchmal, was ich als Einzelner überhaupt ausrichten kann. Die Welt, das System – alles viel zu groß und zu komplex. Die Probleme, die ich löse, sind recht klein. Die Probleme, die einige der mächtigen Männer machen, sind riesig. Das ist frustrierend. Sind aber diese Männer, die über allen anderen zu stehen scheinen, deshalb die wahren Männer unserer Zeit?

In der Woche vor Karfreitag schaue ich auf das Bild vom gekreuzigten Jesus. Da hängt ein Mann, der ganz machtlos ist. Der Mann am Kreuz leidet, er hat nichts im Griff. Er steht nicht über den anderen, sondern hängt mit anderen Verurteilten am Kreuz. Als Mann am Kreuz ist er trotzdem ein Bild von einem Mann! Ein Mann, der verzichtet auf Heldenpose, Protz, Waffen, Muskelspiele und Eroberungen. Das gibt es auch. Seit 2000 Jahren prägt das Bild von diesem Mann die christliche Kultur. Klar, daneben gab es und gibt es andere Männerbilder, aber eben immer auch dieses Bild: Jesus am Kreuz. In der Bildenden Kunst, in der Musik, in der Literatur: der Mann Jesus ist stilbildend. Auch dieser Mann hat es als Einzelner aufgenommen mit der Welt, sich nicht einfach in ein System eingefügt. Seinen Mann stehen, das kann man offensichtlich auch im Erleiden.

Ein anderes Bild von einem Mann tut sich da auf. Mit diesem Bild im Kopf sehe ich beim Blick in die Welt plötzlich auch diese anderen Männer. Ich sehe Männer, die mal den Kopf hinhalten, um jemand anderen zu schützen. Ich sehe Männer, die leiden, ohne andere dafür zum Sündenbock zu machen. Ein bisschen gelassen macht es mich, dass ich diese anderen Männer wieder in den Blick bekomme. Es wird mir klar: die Männerfiguren, die so großtun, werden die Geschichte nur kurz beeinflussen, dann sind sie wieder weg. Jesus Christus als Gekreuzigter hingegen, der bleibt. Und er ist nicht nur ein Bild von einem Mann, sondern ein Bild von einem Menschen.

Pfarrer Jakob Spaeth

Geschrieben am 08.04.2017


  

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