Impuls / Predigt

Gott hält, was zerbrochen ist

Seit Monaten versuche ich, dieses eine Armband zu reparieren. Es ist nicht von großem Wert: acht Plättchen aus einem unedlen Metall, geschmückt mit Email und Glassteinchen, einstmals gehalten von einem Gummiband, das nun gerissen ist. Es zu ersetzen fordert mich heraus. Verschiedene Gummibänder habe ich bereits probiert. Sind die einen zu dick, um zum Abschluss ein zweites Mal durch die Ösen gezogen zu werden, waren die dünneren bislang immer zu elastisch, um die Plättchen zusammenzuhalten.

Dieses Armband ist mehr als Metall und Glas und Email. Wie der zarte Grünspan, der sich auf seiner Rückseite lagert, haften Erinnerungen an ihm. Menschen, Hoffnungen, Glück und Enttäuschung: All das ist nur ein paar Jahre her. Doch scheint es, als winke ein anderes Leben durch diese Plättchen zu mir hinüber, so viel hat sich in diesen Jahren geändert. Nicht nur das Gummiband meines Armbandes ist gerissen, auch manche Verbindungen, die diesen Lebensabschnitt ausmachten.

Und doch ist es mit den Erinnerungen anders als mit meinem Armband. Wichtige und prägende Beziehungen mögen sich ausdünnen, sogar abreißen. Und doch bleibt etwas. Da mögen Scherben im Leben sein und manche Zeiten im Leben stark davon geprägt, mit ihnen klarzukommen, sie zu sortieren, vielleicht zusammenzusetzen. Aber in seinem Innersten wird der Mensch doch zusammengehalten. „Bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht“, beten Menschen seit Jahrtausenden mit dem 36. Psalm. Diese Worte passen gut zu der Melancholie, die mich angesichts der Erinnerungen an die Fragmente in meinem Leben beschleicht. Und sie schenken mir Vertrauen: Ich schöpfe mein Leben nicht aus mir selbst, sondern dass ich lebe, verbindet mich mit Gott, der mir jeden Tag schenkt. Das Licht in meinem Leben leuchtet nicht nur dort, wo ich es vermute. „There is a crack in everything / that’s how the light gets in“ (Es ist ein Riss in allem / so gelangt das Licht herein.) sang Leonard Cohen in seinem Lied „Anthem“. Das bringt es für mich auf den Punkt. Was zerbrochen ist, wird durch das Licht Gottes neu geformt und gehalten. Nicht, wie ich es mir einst vorgestellt habe. Aber so, dass ich damit gut weiterleben kann und erfahre, dass ich nicht alleine mein Leben und meine Erinnerungen zusammenhalte.

Die Hoffnung, dass irgendwann auch die Plättchen meines Armbands wieder zusammenfinden, habe ich noch nicht aufgegeben.

Pfarrerin Michaela Kasparek, Remmingsheim

Geschrieben am 29.07.2017


  

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