Impuls / Predigt

Den nächsten Schritt wagen

Es war unerwartet dunkel unlängst am Morgen. Ich lief joggend durch den Wald. Nur drei bis fünf Meter des Weges vor mir konnte ich erkennen. Ich kannte die Strecke. Trotzdem wurde ich unsicher: Kommt die Kurve jetzt oder geht es noch geradeaus? Geht es gleich bergab oder nicht?

Wie oft hatte ich bei Wanderungen tagsüber eine ganz andere Situation: Der Weg in die Ebene war erkennbar. Die nächste halbe Stunde Wegstrecke lag klar vor Augen.
Morgens, beim Joggen im dunklen Wald, kam mir der Gedanke: Was wäre, wenn ich das zur Mindestanforderung erklären würde: ein gutes Stück des Weges muss erkennbar sein? Ich würde stehen bleiben! Ich würde warten, bis ich die ganze nächste Wegstrecke sehen kann. Ich käme nicht von der Stelle. Im Weiterjoggen aber zeigte sich der Weg. Nach drei Metern sah ich schon die nächsten drei Meter.

Ich dachte: Genauso ist es mit dem Vertrauen auf Gott. Du siehst nur ein kurzes Stück weit, wie der Weg des Gottvertrauens verläuft. Wenn sich zum Beispiel ein anderer Mensch gegen mich stellt, empfinde ich: Er macht mir das Leben schwer. Wie finden wir wieder Verständnis füreinander? Ich sehe nicht, wie der Weg zum gegenseitigen Verständnis verläuft. Ich bat Gott um einen Hinweis für den nächsten Schritt. Beim Lesen in der Bibel sprach mich der Satz aus einer ganz anderen Geschichte an: „Erschrick nicht, hab nur Vertrauen!“ (Markusevangelium 5,36) Dem Vater eines todkranken Kindes sagte Jesus das. Der sah keinen Weg zur Genesung seiner Tochter. Als wollte Jesus sagen: Ich sehe da einen Weg für dich, sagte er: „Erschrick nicht, hab nur Vertrauen!“

Mit diesem Satz im Kopf sagte ich, in meiner Situation, zu Gott: „Ich will ja Vertrauen zu dir haben; aber wie geht der Weg, besser klar zu kommen mit diesem für mich schwierigen Menschen?“ Nach Tagen kam mir wie eine Antwort Gottes in den Sinn: „Wie du mir am Herzen liegst, mindestens so liegt der mir auch am Herzen.“ Ich spürte: Der sich gegen mich gestellt hat, wird mir wichtiger, tief innen wichtiger. Ich fing an, darauf zu achten, wonach er sich sehnt, was er braucht. Ich merkte: Ich bin einen Schritt gegangen, um diesen für mich schwierigen Menschen anzunehmen. Es ist wie ein Schritt des Vertrauens auf dunklem Weg. Ich wurde verändert bei diesem Schritt.

Solchen Glauben möchte ich üben. „Die Glaubenswirklichkeit kann man nur erproben, indem man sich auf sie einlässt“ (Carl Friedrich von Weizsäcker).

Pfarrer Friedhelm Schweizer, Derendingen

Geschrieben am 03.11.2017


  

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