Impuls / Predigt

Es geht uns doch allen gut?

Viele Menschen strengen sich Tag für Tag an, ihr Leben und das Leben ihrer Kinder gut zu bewältigen und haben es trotzdem schwer. Das Geld für die Busfahrkarte fehlt. Die Wohnung ist zu klein, um den Kindergeburtstag zu Hause zu feiern. Es fehlt das Geld für Lebensmittel, um Freunde zu sich zum Essen einzuladen. Arbeitslosigkeit droht, weil wegen „Umstrukturierungen“ der Arbeitsplatz nicht sicher ist.

Welche Eltern wollen nicht das Beste für ihre Kinder? Aber nicht alle verfügen über finanzielle Spielräume und Wahlmöglichkeiten. Menschen mit genügend Geld können frei entscheiden, wo sie ihre Kleidung oder Lebensmittel kaufen, welche kulturellen Angebote sie wahrnehmen. Menschen mit wenig Geld haben diese Entscheidungsspielräume nicht. Eltern müssen zu ihren Kindern häufig „Nein“ sagen – Kinder können nicht mitreden und mitmachen, wenn es um Urlaub, Ausflüge oder Ausstattung geht.

Die Aussage vom Bundestagswahlkampf, dass es den Menschen in unserem Land noch nie so gut gegangen sei wie heute, ist nur ein Teil unserer Wirklichkeit. Der andere Teil ist, dass jedes sechste Kind in Tübingen die Kreisbonuscard hat und somit in einer Familie mit geringem Einkommen lebt. Die Folgen für diese Kinder und Jugendlichen sind weniger Wahlmöglichkeiten und Verwirklichungschancen. Sie sind damit von Stigmatisierung und Ausgrenzung betroffen.

Ich erlebe im Projekt TAPs täglich was es bedeutet, wenn Familien in Tübingen von Armut betroffen sind. Viele schämen sich für ihre Situation. Unser Anliegen ist es, Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren, den Blick für unsere Mitmenschen zu schärfen. Wir alle können unterstützen, wo es erwünscht ist. Wir können auf Augenhöhe, mit Einfühlungsvermögen und Verständnis agieren. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – diese Floskel ist nicht hilfreich. Wenig Geld zu haben ist oft nicht selbstverschuldet. Eine Trennung, eine Krankheit, ein Unfall – all das kann jeden von uns treffen.

Menschen mit wenig finanziellen Mitteln sind Teil unserer Gesellschaft. Wir alle können das Signal senden, dass die Teilhabe aller erwünscht ist. Wir können Veranstaltungen, Ausflüge, Gespräche so gestalten, dass alle mithalten können, dass nicht finanzielle Ressourcen Voraussetzung sind, um sich zugehörig zu fühlen. Alle Menschen wollen gewürdigt und akzeptiert werden und zuversichtlich in die Zukunft blicken können. Lassen Sie uns unseren Teil dazu beitragen.

Daniela Schmalz, Diakonisches Werk Tübingen, Projekt TAPs (Tübinger AnsprechPartnerInnen für Kinderarmut und Kinderchancen), gefördert von der Stadt Tübingen und dem Diakonischen Werk Tübingen

Geschrieben am 12.03.2018


  

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