Impuls / Predigt

Gerade und frei durchs Leben

„Ich möchte nur, dass ihr gerade und frei durch das Leben geht, wenn es auch schwer ist." Es war der spätere Ulmer Oberbürgermeister Robert Scholl, der diesen Wunsch als Pazifist und Kritiker des Nationalsozialismus seinen fünf Kindern mit auf den Weg gab. Hans und Sophie nahmen sich vor 75 Jahren den Ratschlag des Vaters zu Herzen. Sie gehörten der Widerstandsgruppe Weiße Rose an, die seit 1942 hauptsächlich von München aus gegen das Hitlerregime aktiv wurde. Nachdem die Geschwister am 18. Februar 1943 das letzte von insgesamt sechs Flugblättern der Weiße Rose in der Münchner Universität verteilten, wurden sie verhaftet und vier Tage später hingerichtet. Neben der liberalen und pazifistischen Lebenshaltung des Vaters wurden die Kinder auch von der tiefen pietistischen Frömmigkeit Ihrer Mutter Magdalena geprägt. Sie hielt den Kindergottesdienst und betete viel mit ihren Kindern.

Morgen ist Volkstrauertag. Wir gedenken an diesem vorletzten Sonntag im Kirchenjahr der Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft. 75 Jahre sind seit den mutigen Aktionen der Mitglieder der Weißen Rose vergangen. Seither wurden weiterhin unzählige Menschen zu Leidtragenden durch Gewalt und Tyrannei. Längst wurden seither wieder bis an die Ränder Europas Kriege geführt. Der Wille zur europäischen Einigung und Versöhnung wird durch nationalkonservative Kräfte wieder in Frage gestellt. Populisten fördern durch vereinfachte Botschaften den Geist der Abschottung, der Intoleranz, ja des Hasses. Sophie Scholl vertraute ihrem Tagebuch an, was sie dagegen zu ihrem geradlinigen Engagement für Menschlichkeit und Freiheit veranlasste:„Wenn ich die Menschen um mich herum ansehe, und auch mich selbst, dann bekomme ich Ehrfurcht vor dem Menschen, weil Gott seinetwegen herabgestiegen ist. (…) Ja, das sollte man immer bedenken, wenn man es mit anderen Menschen zu tun hat, dass Gott ihretwegen Mensch geworden ist. Und man fühlt sich selbst zu gut, zu manchen von ihnen herabzusteigen! O ein Hochmut! Woher habe ich ihn nur?“ Gott wird in Jesus Christus Mensch. Er nimmt Anteil an unserem menschlichen Schicksal. Das Weihnachtsfest, das wir in wenigen Wochen feiern, erinnert uns daran. Sophie Scholl begründet daraus ihre Ehrfurcht vor dem Leben und ihren Einsatz für die Freiheit und Würde des Menschen. Und so geht sie gerade und frei durchs Leben, auch wenn es manchmal schwer ist.

Pfarrer Hartmut Dinkel, Gomaringen

Geschrieben am 12.11.2018


  

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