Impuls / Predigt

Wer bestimmt über meinen Ärger?

Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs. Und fast täglich überquere ich dabei eine bestimmte Kreuzung, an der mir mindestens einmal pro Woche entgegenkommende, links abbiegende Autofahrende die Vorfahrt nehmen. Früher hat mich das geärgert. Manchmal schlimmer: Es hat mich verletzt, so übersehen zu werden - ich fühlte mich nicht wertgeschätzt.

Inzwischen übe ich es anders: Ich lächle denjenigen zu, die mir meine Vorfahrt lassen. Und wird sie mir genommen, und ich ertappe mich dabei, mich zu ärgern, trete ich innerlich einen Schritt zurück, lache und denke: „Was hat der oder die heute wohl für einen Stress“. Und ich sende dem Auto einen freundlichen Gruß hinterher. Ich übe, das Geschehen nicht persönlich zu nehmen.

Mit dem Ärger ist es ja so eine Sache. Wer genau hinschaut, merkt, dass Ärger uns nicht von außen aufgezwungen wird. Vor ein paar Tagen erzählte eine liebe Nachbarin, dass ihr früherer Vermieter mal gesagt habe: „Über wen oder was ich mich ärgere, das bestimme ich immer noch selber.“ Sie meinte, das wäre ein weiser Satz. Ich kann ihr da nur zustimmen.

Wenn ich übe, über „meinen“ Ärger selber zu bestimmen und unerfreuliche Situationen nicht persönlich zu nehmen, kann ich Ärger durch etwas anderes ersetzen. Wen wundert´s, wenn ich hier vorschlage, den Ärger zu ersetzen durch Freundlichkeit, Liebe und Annehmen der Situation, wie sie ist. Allerdings meine ich damit nicht, alles klaglos oder gar resigniert hinzunehmen. Mir ist an dieser Stelle ein bekanntes Gebet immer wieder neu wichtig: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Unerquickliche Situationen nicht persönlich zu nehmen und den Impuls des Ärgers wieder loszulassen führt zu mehr Wohlbefinden. Es wird heller in unserem Alltag und in unserem Leben. Hin und wieder gibt es Überraschungen: Versöhnung. Das gute Gefühl, den Ärger besiegt zu haben. Freude darüber, das eigene Befinden aktiv und positiv zu beeinflussen.

Also, wenn mir oder Ihnen mal wieder jemand die Vorfahrt nimmt oder ein sonstiger Ärger über den Weg läuft – üben Sie mit, selber über Ärger zu entscheiden? Und ihn dann loslassen!

Auch das ist ein Aspekt des Lichtes Gottes in dieser Welt. Und das kleine Adventslied wird Wirklichkeit: „Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt.“

Renate Haug, Leitende Gemeindediakonin im Kirchenbezirk Tübingen

Geschrieben am 14.12.2018


  

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