Impuls / Predigt

Hättest du doch

„Was ist die zerstörerischste Kraft im Universum?“, fragt Agent Kay seinen Kollegen Agent Jay im Hollywood-Blockbuster Men in black. Und weil Agent Jay keine Ahnung hat, gibt Kay selbst die Antwort: „Reue“.

Wie schmerzhaft Reue ist, erfahren viele Menschen, wenn sie in diesen letzten Tagen des Jahres zurückblicken. Wer bereut, der grämt sich um Dinge, die nicht mehr zu ändern sind: Fehler, die man gemacht hat, Möglichkeiten, die man nicht ergriffen hat oder Entscheidungen, die man falsch getroffen hat. Die Sätze, die einem die Reue zuflüstert, beginnen alle gleich: „Hättest du doch…“. Wer bereut, denkt, er hätte es eigentlich besser machen können oder sei eigentlich ganz anders – eigentlich.

Als der Apostel Paulus am Ende des Jahres 33 nach Christus auf das vergangene Jahr zurückblickte, da hatte er auch allen Grund zur Reue. Als strenger jüdischer Religionsgelehrter hat er die noch kleine christliche Gemeinde leidenschaftlich bekämpft. Paulus hielt Jesus, von dem die Christen sagten, er sei Gottes Sohn und von den Toten auferstanden, für einen Gotteslästerer und Lügner. Aber dann begegnete ihm Jesus in einer Art Vision. „Warum verfolgst du mich?“, fragte Jesus ihn. Paulus musste erkennen, dass er komplett falsch lag. Das hat ihn buchstäblich umgehauen.

Aber Paulus ist nicht bei der Reue stehen geblieben. In einem Brief schreibt er: „Ich lasse das, was hinter mir liegt, bewusst zurück, und konzentriere mich völlig auf das, was vor mir liegt“. Paulus kreist nicht ständig um das, was war. Er verzweifelt nicht. Er blickt nach vorne. Dabei leugnet er nicht, was er getan hat. In seinen Briefen schreibt er ganz offen über seine Vergangenheit und steht zu ihr.

Ich glaube, Paulus konnte das, weil Jesus nicht „Hättest du doch“ zu ihm gesagt hat. Stattdessen hat Jesus den am Boden liegenden Paulus aufgerichtet und ihm einen Auftrag gegeben: Er sollte in der ganzen Welt von ihm weitererzählen. Und das hat Paulus getan. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der er zuvor die Christen verfolgt hat, hat er Gemeinden gegründet und sich aufopferungsvoll um sie gekümmert.

Die Geschichte von Paulus zeigt mir: Gott will nicht, dass ich bei der Reue stehen bleibe. Er will mir dabei helfen, mich mit dem, was war, und mit mir, wie ich bin, auszusöhnen. Und er will mich mit meinen Stärken, Schwächen und Eigenheiten gebrauchen, um das Universum ein bisschen besser zu machen.

Pfarrer Andreas Föhl, Medienbeauftragter im Kirchenbezirk Tübingen

Geschrieben am 28.12.2018


  

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