Impuls / Predigt

Gelebte Utopie

Kann man die Bibel ernst nehmen? Glauben und leben, was Jesus, dieser Wanderprediger aus Nazareth, verheißen hat? Oder ist das nicht alles utopisch: Feinde lieben, sorglos leben und dem Mammon nicht dienen? U-topisch, ohne Topos, ohne Ort in dieser Welt?

Aber was wäre das für ein Glaube, wenn er nicht auch dem Unmöglichen Mögliches zutraute? Wenn er von dem, der aus dem Nichts Alles werden ließ, nicht Wunder erwarten würde? Nicht nur träumen wollte, von was Lukas so verheißungsvoll erzählte: „Alle aber … waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 2,44+45)

Und wenn auch klein wie ein Senfkorn, so war doch Glaube und Hoffnung genug da, als man vor zehn Jahren auch in Tübingen es wagte den Kirchenraum zu öffnen und einzuladen: Menschen egal welcher Herkunft, egal welchen Status, egal welcher Religion zum gemeinsamen Essen. Ohne Essensmarken, Kassierer, Einlasskontrolle, dafür mit Bedienung, Zuwendung, Seelsorge.

Zehn Jahre gibt es sie mittlerweile, die Vesperkirche in Tübingen. Zehn Jahre, in denen es gelungen ist, dass Menschen unterschiedlichster Couleur zueinander finden, miteinander essen, aneinander Anteil nehmen. Dabei ist die Vesperkirche nicht Armenspeisung, wie manche zu Beginn des Projektes gedacht hatten. Nein, es sitzen und essen miteinander Menschen, die sich sonst in unserer Stadt kaum oder gar nicht begegnen.

Insofern ist die Vesperkirche gelebte Utopie. Sie verschafft dem einen Ort, was in unserer ansonsten klar segmentierten Gesellschaft keinen Platz hat. Und lässt damit die Hoffnung keimen, dass es lohnt, an das Unmögliche zu glauben, nämlich dass in dieser Welt, in diesem Land, in dieser Stadt doch noch anderes eine Gesellschaft formen kann als nur Leistung, Konkurrenz und Egoismus.

Vielmehr die Überzeugung, die sich aus dem jüdisch-christlichen Menschenbild speist: Dass jeder Mensch an sich und für sich ein Ebenbild Gottes ist – und damit unendlich wertvoll, würdevoll, einzigartig. Dass jeder Mensch zu einem Fenster für Gottes Gegenwart werden kann.

Utopisch? Ohne Ort in dieser Welt?

Schauen Sie doch einmal rein, lassen Sie sich einladen in die Vesperkirche. In der Martinskirche, oder auch in Rottenburg. Und sie werden satt – an Leib und Seele. Das können Sie ruhig ernst nehmen.

Christoph Wiborg, Pfarrer der Eberhardskirche und im Leitungsteam Vesperkirche

Geschrieben am 11.02.2019


  

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