Impuls / Predigt

Vesperkirche. Ein weiter Raum

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9).35 Fußpaare aus Papier, gestaltet von Schülerinnen einer Realschule beschreiben einen Weg durch den Vesperkirchenraum, unserer zwölften Vesperkirche in Rottenburg. Gestreift, kariert, geblümt, schwarzweiß oder farbig, jedes Fußpaar ein Unikat. Sie wollen und sollen ausdrücken, dass bei uns alle Raum haben in ihrer Verschiedenheit und Buntheit.

Wenn ich den Psalmvers für mich betrachte, wird Gott zu meinem Gegenüber. Ich werde wahrgenommen, wie ich stehe, verbunden mit meiner Lebensgeschichte. Ich werde hingestellt, darf aufrecht stehen, bin nicht allein, auch wenn ich umfalle. Der Raum ist weit, ein Gefühl der Freiheit umgibt mich. Ich kann und soll mich umschauen. Nehme meine Mitmenschen wahr, sehe die Freuden und Nöte anderer. Mir wird Raum gegeben, wo ich Verantwortung übernehmen soll. Es gibt Platz für mich und meine Möglichkeiten. Ich habe meinen Platz gefunden in der Vesperkirchengemeinschaft, in einer Gemeinde auf Zeit.

Bekommen die Gäste in Ihrer Vielfalt auch den Raum, ihren Raum, von dem der Psalm 31 spricht? Auch ihnen gilt die Zusage, dass ihre Füße auf weiten Raum gestellt sind. Traue ich ihnen zu, dass sie ihren Raum nutzen, auch wenn mir ihr Lebensentwurf fremd erscheint. Ich sehe die Freuden und kann mich herzlich mit ihnen freuen, wenn wir uns nach einem Jahr wiedersehen. Ich sehe ihre Nöte und kann nur manchmal helfen. Zum Glück hat auch ein weiter Raum seine Begrenzung. Eine Begrenzung, die schützt und Geborgenheit geben kann.

Dass uns dies in den drei Wochen Vesperkirche oft gelingt lässt sich erspüren: Ein Lächeln, ein besonderer Händedruck, ein Zeichen der Dankbarkeit, gegenseitiges Vertrauen.

Bekommen unsere vielen Ehrenamtlichen den weiten Raum, der zu ihnen passt, der ihren Möglichkeiten entspricht? Gemeinsam suchen wir Wege, auch hier der Vielfältigkeit Raum zu geben. Nicht immer einfach! Verbietet doch die Organisation eines Vesperkirchentages zu viel Kreativität und Eigendynamik. Erfrischend, wenn wir dann danach beim Dankeschönfest zurückblicken dürfen, miteinander lachen, auch über das was vielleicht nicht so gelungen ist.

Heute ist unser letzter Vesperkirchentag, Abschied, Traurigkeit und Fröhlichkeit liegen eng beieinander. Unsere Füße gehen wieder neue Wege, weite Räume liegen vor uns. Wir dürfen sie gehen, so wie wir sind.

Heide Mattheis, Leitungsteam Vesperkirche in Rottenburg

Geschrieben am 27.02.2019


  

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