Impuls / Predigt

Mehr Mut und Zärtlichkeit

Da ist es wieder, dieses Bild einer stillenden Mutter und ihres glückseligen Kindes. Gestern im Café am Tisch gegenüber. Ich erinnere mich an die Momente, als ich meine Kinder in dieses Bad der Zärtlichkeit hüllen durfte. Nähe, Wärme, Geborgenheit, Verbundenheit, dass es beinahe schmerzt.

Mein Blick richtet sich auf die Zeitung, die ich in den Händen halte und da sind auch sie wieder, die Bilder von Hunger und Flucht, von Rechtspopulismus und Klimawandeldebatten, von der Gefahr der Demokratie und von dem, was sich Menschen gegenseitig antun. Papst Franziskus forderte in einem Interview: „Die Welt von heute braucht eine Revolution der Zärtlichkeit.“ Und Konstantin Wecker besingt gesellschaftliche Missstände unter dem Titel: „Wut und Zärtlichkeit.“ Für die Politik wünscht er sich mehr „Poesie und Zärtlichkeit“ und immer und immer wieder, mehr Zärtlichkeit.

Wie geht das zusammen? Wie bekomme ich das Bild der stillenden Mutter und die Bilder der Not und des Elends zusammen? Zärtlichkeit ist eine mächtige Waffe, eine unerlässliche Geste, die die ganze Welt der Gefühle, inneren Balance und des psychologischen Wohlergehens enthält. Eine Zärtlichkeit kann ein Leben erbauen und bestätigen. Sie ist wie eine unsichtbare Decke, die uns mit der Person, die wir tief in unserem Inneren sind, vereint. Keine Technologie der Welt kann so etwas ersetzen. Um die Welt zu verbessern bedarf es Menschen, die tief in ihrem Herzen wissen, wer sie sind. Die beste Grundlage dafür ist das Bild der stillenden Mutter. Satt an Zuwendung und Nahrung.

Und dann braucht es Mut. Mut Ungerechtigkeit zu benennen, Mut Sorge und Angst zu zeigen, Mut mitzufühlen, Mut eigene Wege zu gehen. Angst ist dabei kein Gegenspieler. Sie gehen Hand in Hand. Mut ist nicht immer nur Kriegermut und sonst nichts. Der Philosoph Aristoteles würde sagen: „Der Mutige muss allein das Gute wollen, er muss die Tugend im Sinn haben, alles andere zählt nicht.“ Nach Aristoteles ist Mut eine Tugend, nach der wir Menschen streben sollten, weil Mut damit zu tun hat, dass man gegen Widrigkeiten für Werte einsteht. Sie gehören für mich einfach untrennbar zusammen, Mut und Zärtlichkeit.

Besonders kraftvoll empfinde ich Mut und Zärtlichkeit in dem Lied von Konstantin Wecker besungen: „Wo alle loben, habt bedenken / wo alle spotten, spottet nicht / wenn alle geizen, wagt zu schenken / wo alles dunkel ist macht Licht.“

Anastasia Kimmel, Psycholog. Beratungsstelle

Geschrieben am 23.03.2019


  

Mehr Impulse und Predigten