Impuls / Predigt

Ostern – mal ehrlich?

„Frohe Ostern!“ So hören wir in diesen Tagen an der Bürotür oder beim Einkaufen. Aber noch ist es nicht soweit. Sperrig steht der Karfreitag zwischen jetzt und Ostern in der Landschaft. Wie lästig: der Bäcker darf nicht öffnen, Tanzveranstaltungen sind verboten.  Muss das sein?

Ich denke daran zurück, wie ich einst meinen vierzigsten Geburtstag gefeiert habe. Am Anfang stellte ich die Gäste einander vor. Zur Familie meiner elf Jahre älteren Schwester gehört meine älteste Nichte Kirsten. Doch sie war nicht da. Kurz zuvor hatte sie sich das Leben genommen. Ich habe das den Gästen gesagt. Natürlich sind dabei Tränen geflossen, bei mir und bei meiner Familie. Ich hatte dann trotzdem ein schönes Fest. Es war, als wäre die Last in der Festrunde aufgehoben. Unsere Liebe zu Kirsten war ja nicht gestorben. Und die passte zum Fest. Am Ende sagte eine Freundin: „Ich habe noch nie so ein ehrliches Fest gefeiert!“

Am schlimmsten sind Lasten, die wir einander und uns selbst „zur Last legen“. Beim Autounfall werden die Kosten für die Autoreparatur dem zur Last gelegt, der den Unfall verursacht hat. Er ist „schuld“. Doch jenseits des kaputten Blechs wird es schwierig: Bereits den Schock und die inneren Bilder des Unfalls müssen beide Seiten tragen. Und angesichts des Suizids meiner Nichte stillt es meinen Schmerz gar nicht, nach den Ursachen zu fragen und die Schuld an ihrem Tod mir oder anderen oder ihr zur Last zu legen.

Merkwürdig, wie oft ich trotzdem an der Frage hänge, wem ich etwas zur Last legen kann.  

Ich glaube, der Karfreitag will diese Fragerei beenden. Denn sie führt nicht weiter. Während ich versuche, mir und anderen etwas zur Last zu legen, trage ich ja die Last mit mir herum. Ganz schön anstrengend. Und auf die Dauer führt das nur zum Lasten-Ping-Pong: einer schiebt’s der anderen zu.

Jesus hat nicht anderen zur Last gelegt, was zu seinem Tod geführt hat. Am Kreuz hat er sich dem Schmerz ausgesetzt. Er litt unter der Gewalt, die ihm angetan wurde, ohne Schuldvorwürfe zu machen. Leidend trug er die Last der Gewalt. Seine Liebe zeigte sich besonders stark, als er den Schmerz aushielt – sie ist sogar stärker als der Tod.  Bis heute schenkt dies Trost, wo wir Lasten tragen müssen.

Osterfreude beinhaltet die getragene Last von Karfreitag. Zu Recht wünschen wir uns: „Frohe Ostern!“ und halten gleichzeitig den Karfreitag sperrig in Erinnerung.  Denn so gibt’s ehrliche Ostern.

Pfarrerin Dr. Susanne Edel, Kirchentellinsfurt

Geschrieben am 16.04.2019


  

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