Impuls / Predigt

Fältelungen, Bücher und Räume

Wirft man einen Blick auf Tübingen von oben, auf das enge Gewirr der Gassen, wirkt es fast so, als wäre dazwischen gar kein Platz für einen Weg oder gar eine Straße. Ganz anders als etwa Ludwigsburg, diese barocke Planstadt, die hell, klar und licht wirkt und alles auf den ersten Blick erfassbar erscheint. Tübingen wirkt eher ungeplant, gewachsen, ist sozusagen organischer. Es ist gefältelt wie ein Organ, das unglaublich viel Platz bräuchte, wenn man es auffalten würde. Hinter jeder Windung steckt etwas Neues, man wird mit dieser großen kleinen Stadt einfach nicht fertig, und das ist ja schön so und spannend und schützt vor schnellen Urteilen.

Was auffällt: An jeder Ecke findet sich ein Buchladen, die Dichte an Buchläden ist so hoch wie in keiner anderen Stadt. Aber: Hat das Buch als Medium nicht ausgedient? Diese Befürchtung hat in manchen öffentlichen Büchereien dazu geführt, dass Regale abgeschafft wurden und viele Bücher verschwanden, damit mehr Platz ist für Sessel und Stühle und Tische und Internet und Steckdosen. Der Nebeneffekt dieser Umstrukturierung war, dass mehr Leute kamen, viel mehr, es gibt jetzt Begegnungen, gegenseitige Hilfeleistungen und eine Form von Zusammenarbeit, die nur mit mehr Raum möglich ist. Aber nur, wenn da auch Bücher stehen: diese gefältelten Wesen, die so klein sind und ganze Welten in sich bergen und einen reisen lassen in ferne Länder und fremde Psychen und Wissen speichern und Kino im Kopf ermöglichen. Bücher sind nicht alles an diesem Ort, aber ohne Bücher wäre alles hier nichts. Die Bücher sind wichtig, geben dem Ort seine Aura und Würde. Sie halten die Konzentration. Bücher bleiben ein unausgesprochenes Versprechen auf Wissen, Teilhabe, Versenkung. Auch wer nicht liest, braucht Bücher.

Ein Mensch braucht einen Ort zum Wohnen, zum Arbeiten und zum Leben, weiß die Soziologie. Aber auch einen Ort zum Beten braucht es. Man kann überall beten, so wie man überall lesen kann. Aber an manchen Orten geht es einfach besser. Man braucht die Aura, die Würde, die Konzentration. Die Atmosphäre der gelebten oder auch nur vorgestellten Geschichte(n). Dann ist Teilhabe und Versenkung möglich. Kirchengebäude laden dazu ein, und manchmal ist es auch ein Gebet, das den Raum verwandelt, weil wir darin sind. Und sei es nur ein Winkel. Und Gott liebt Vielfältigkeit, sei sie auf Barockstraßen oder in Altstadtgassen zuhause.

Hochschulpfarrerin Dr. Inge Kirsner

Geschrieben am 29.04.2019


  

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