Impuls / Predigt

Das Beste für die Stadt

Neulich saß ich zwischen den Wahlprogrammen zur Kommunalwahl. Ob etwas davon Wirklichkeit wird, solange ich noch da bin? Schließlich ziehe ich als Pastorin alle zehn bis zwölf Jahre um. Viele Bürgerinnen und Bürger sind nur auf Zeit in dieser schönen Stadt und ihrer Umgebung. Schade eigentlich. Doch mich als Christin soll das in meinem Engagement nicht hemmen. Der Prophet Jeremia macht mir dazu Mut. Er schrieb seinen Landsleuten einen Brief in einer ähnlichen Situation. Sie hatten statt zehn Jahren etwa 70 Jahre Zeit, solange waren sie unfreiwillig in der Fremde. Jeremia schrieb: »Baut euch Häuser und richtet euch darin ein! Legt euch Gärten an, denn ihr werdet noch lange genug dortbleiben, um zu essen, was darin wächst! Seid um das Wohl der Städte besorgt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie! Denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch euch gut.« (Jeremia 29,5-7)

Das ist ein Engagement, gebaut auf Hoffnung. Denn was sie anpflanzen, werden sie zwar in den ersten Jahren noch essen, doch später werden andere die Olivenbäume abernten. Die Häuser, die sie bauen, werden spätere andere bewohnen.

Gutes Tun, wenn es auch nur auf Zeit ist. Das finde ich einen so wichtigen Gedanken, nicht nur für den Mikrokosmos einer Stadt, sondern auch für den großen weltweiten Kontext. Wir Menschen können uns oft nur dann für einen Einsatz motivieren, wenn wir direkt etwas davon haben. Für die vertriebenen Volksgruppen geht es um einen selbstlosen Einsatz. Sie werden aufgefordert, aufzubauen und zu bewahren. Dabei wissen sie, dass sie es für andere aufbauen und bewahren werden. „Ihr werdet nicht mehr da sein in 70 Jahren,“ sagt Jeremia seinem Volk. Alle, die wie ich über 30 sind, werden in 70 Jahren nicht mehr hier sein. Doch solange wir da sind, können wir das tun, was er anregt. Denn wenn es unserer Kommune gut geht, geht es auch uns gut. Wenn es unserer Welt gut geht, geht es auch uns Menschen gut.

Jeder einzelne gestaltet mit, wie es seinem Ort geht. Wir tragen dazu bei, ob unser Ort ein Ort des Friedens ist. Ein Ort, an dem man sich gerne aufhält, an dem man Hilfe bekommt oder eben nicht. „Betet für eure Stadt“ schreibt Jeremia seinen Landsleuten. Das gehört für ihn dazu, wenn man das Beste für seine Stadt will. Das sehe ich und Christen anderer Konfessionen auch so, deshalb gibt es immer am ersten Montag im Monat das „Gebet für Tübingen“.

Pastorin Dorothea Lorenz, Evangelisch-methodistische Kirche

Geschrieben am 31.05.2019


  

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