Die Reichen zum Geben gewinnen

gerollte Euro-Münze

Stehen Finanzkräftige in der Pflicht, ihr Geld in soziale Projekte zu stecken? Ein Unternehmensberater, Mitarbeiter aus sozialen Bereichen, Kirchen- und Bankvertreter diskutierten am Samstag das Thema „Reichtum verpflichtet – vom Charme des Gebens“. Zudem hörten rund 60 Besucher im Sparkassen-Carré einen Vortrag, wie die Bibel mit der Frage Armut und Reichtum umgeht.

Reichtum – ein Thema, in dem durchaus Zündstoff steckt: Ganz links auf dem Podium saß Alf Löffler, Millionär und Unternehmensberater mit einem Tagessatz von 1500 Euro. Gäbe es ein Ministerium für soziale Gerechtigkeit, er würde es abschaffen, antwortete er Moderatorin Beate Rau. Geld mache ohnehin nicht glücklich und er zahle bereits 50 Prozent Steuern.

Am anderen Ende der Bühne berichtete Diakon Peter Heilemann von den unmenschlichen Bedingungen, unter denen Hartz IV Empfänger leben müssten. Fakt ist, dass zehn Prozent der Deutschen 47 Prozent des gesamten Privatmögens besitzen, 60 Prozent gar keine Ersparnisse haben. Die Gesellschaft müsse die Reichen emotional gewinnen, ähnlich wie Jesus bei den Zöllnern Sehnsucht nach dem Guten geweckt habe, sagte Esther Kuhn-Luz in ihrem Vortrag.

Sie betonte, dass es Grenzen der Wohltätigkeit gebe, der Staat dürfe nicht aus der sozialen Verantwortung entlassen werden. Dennoch müssten Superreiche ihren Wohlstand als Gabe Gottes sehen, im Sinne einer vererbten Intelligenz oder anderer Vorteile, die ihnen den Weg an die gesellschaftliche Spitze geebnet haben. Sie zitierte Paulus: „Ihr werdet reich gemacht, damit ihr geben könnt.“ Der Besitz müsse, so die Referentin, am besten ohne Anspruch auf Gegenleistung weitergegeben werden. Der Dank gehe direkt an Gott zurück, vor dem alle Menschen arm seien. Diese Einstellung mindere die Scham des Annehmenden. Und: „Das Geben soll der Anmut nicht entbehren.“ Günther Banzhaf, Vorsitzender des Oikocredit Förderkreises im Land, erklärte, durch die Gabe als Kredit seien Geber und Nehmer Partner auf Augenhöhe: „Ein Kredit ist ein Vertrauensvorschuss.“

Geld sei in der Bundesrepublik genug vorhanden. Jährlich würden rund 200 Milliarden Euro vererbt, sagte die Referentin. Sie plädierte für eine Anhebung der Erbschaftssteuer. Es sei bedenklich, wenn es auf der einen Seite Menschen gebe, die den puren Luxus genießen könnten, während rund 400 000 Menschen nicht einmal krankenversichert seien.

„Armut ist facettenreich“, stellte Rainer Mirbach fest. Er ist Geschäftsführer der Integrations- und Tagesstrukturierungsbetriebe in Rottenburg, die Hartz IV Empfänger kurzzeitig anstellt. Er sehe nicht nur die finanzielle Seite der Armut, sondern auch eine soziale und persönliche, sagte Mirbach. In seinen Vorstellungsgesprächen äußerten die jungen Bewerber oftmals eine große Perspektivlosigkeit. Mirbach verdeutlichte das Ausmaß von Hartz IV: Wenn seine Mitarbeiter um Vorschuss beten würden, belaufe sich der Betrag auf zehn Euro, um davon eine Woche leben zu können.

Rolf Rehfuß, Vorstandsmitglied der Kreisparkasse Tübingen, berichtete, wie die Bank die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden prüft: „Bei der Kreisparkasse kann jeder ein Konto eröffnen.“ Einzige Einschränkung für Hartz-IV Empfänger ist, dass sie keinen Kredit bekommen.

Diakon Peter Heilemann sprach das Problem der Vereinsamung durch Armut an: „Viele fühlen sich schuldig, weil sie ihre Arbeit verloren haben.“ Dadurch, dass oftmals kein Geld für Freizeitaktivitäten bleibe, zerbrächen viele Beziehungen.

Geschrieben von Schwäbisches Tagblatt am 13.11.2007.


  
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