Widerstand, aber auch Versagen der Kirche vor 70 Jahren

Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer

Sowohl den Mut zum Widerstand als auch das schweigende Versagen habe es in der evangelischen Kirche vor 70 Jahren gegeben im Zusammenhang mit den Novemberpogromen. Dies bekannte Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer in ihrer Predigt am 9. November in der Tübinger Stiftskirche.

Sie erinnerte an das Ehepaar Hermann und Elsbeth Zeller, die jüdische Mitbürger in ihrem Pfarrhaus versteckt hatten und dafür posthum vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurden. Andererseits finde sich im Protokoll des Tübinger Stiftskirchengemeinderats nach dem 9. November 1938 keinerlei Hinweis darauf, dass sich das Gremium mit der Zerstörung der Tübinger Synagoge befasst habe: „Wie so oft dann in den Jahren danach muss es eine Mischung aus Unwissenheit, Beschwichtigung, innerer Zustimmung und Resignation gewesen sein, die das Schweigen bewirkte“, so die Einschätzung der Dekanin.

Wach und nüchtern nicht nur in die Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart zu blicken, sei deshalb Christenpflicht: „Die Kirchen in Tübingen kümmern sich in dieser Stadt schon seit vielen Jahren mit viel Engagement um Flüchtlinge“, sagte die Dekanin im Blick auf das gegenwärtige Handeln zugunsten verfolgter Minderheiten. Sie mahnte gleichzeitig: „Wir dürfen in der Aufmerksamkeit auf ein gelingendes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion auch in Zukunft nicht nachlassen.“ Mit Bezug auf die Trias Glaube – Liebe – Hoffnung schloss die Dekanin ihre Predigt in der Zuversicht, „dass wir im Glauben Halt finden in unsicherer Zeit. Dass die Liebe stark ist und Menschen untereinander verbindet, und dass die Hoffnung auf Gottes Heil für alle Menschen wach bleibt.“

Geschrieben von Pressepfarrer Peter Steinle am 10.11.2008.


  
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