"An Weihnachten hat die Welt Löcher nach oben bekommen"

Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer

In der weihnachtlichen Krippenszene habe die Welt Löcher nach oben bekommen, sagte Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer in ihrer Heiligabendpredigt in der Tübinger Stiftskirche. Die Krippe sei eine Urszene des Lebens und des Glaubens, „weil wir dort alle unsere Anfänge suchen und alle Wünsche und Sehnsüchte in die Krippe legen können.“

Ein goldenes Zeitalter sei diese Epoche des römischen Weltreiches von Dichtern genannt worden, führte die Dekanin weiter aus: „Konnten wir nicht bis vor wenigen Monaten meinen, auch in einem goldenen Zeitalter zu leben – wenigstens in Europa, wenigstens in Württemberg?“ Der ärmliche Stall sei dazu ein politisches Kontrastprogramm: „Gott kommt zur Welt in einer Behelfsunterkunft. Bei den Menschen ganz unten. Gott kommt zuerst zu denen, die zu kurz gekommen sind. Zu den Armen, den Kranken, den Gefangenen in ihren Zellen, den Unglücklichen und den Trauernden. An der Krippe sind sie dabei. Sie werden wahrgenommen und vom göttlichen Licht beschienen“, sagte die Dekanin. Gleichzeitig solle die Menschwerdung Gottes aber eine Freude für alle sein: „Hier ist genauso Platz für die Zufriedenen, die vom Erfolg beglückt sind, wie für die anderen, denen das Wichtigste fehlt. Hier ist Platz für Glaubende, für Suchende und für Irrende. Sie alle mögen heute Abend spüren, wie Gott zu ihnen kommt.“ Und schließlich sei in der Offenheit des neugeborenen Kindes schon alles da, „was uns später bei dem erwachsenen Jesus begegnet: Vergebung, Versöhnung, Vertrauen. Selbst können wir uns das nicht geben. Wo Gott zur Welt kommt, lässt es sich finden.“

Viele Menschen ließen sich am Heiligen Abend 2008 faszinieren von den Krippenspielen und Christmetten: In den sieben evangelischen Kirchengemeinden der Tübinger Kernstadt besuchten rund 9.800 Menschen einen evangelischen Gottesdienst. Auch in kleineren Orten war der Zustrom ungebrochen: „Mit 160 Besuchern war unsere Kirche wieder voll bis auf den letzten Platz“, meldete die evangelische Kirchengemeinde Dörnach. In Gniebel und Rübgarten kamen 600 Menschen zu drei Gottesdiensten, in Kusterdingen sogar 800 und in Nehren 800 Menschen zu zwei Terminen. Im ganzen Kirchenbezirk besuchten rund 35.000 Menschen einen evangelischen Gottesdienst. Die Zahl der Gottesdienstbesucher bewegte sich damit auf demselben hohen Niveau wie im vergangenen Jahr. Als Besuchermagnet erwies sich einmal mehr die Tübinger Stiftskirche: Obwohl im Gemeindegebiet nur 3.200 evangelische Gemeindeglieder wohnen, feierten am Heiligen Abend wieder rund 5.000 Menschen die insgesamt vier Gottesdienste mit, davon – mit neuem Besucherrekord – alleine 1.200 Kleine und Große das Krippenspiel. Die Gottesdienstkollekte aus allen Gottesdiensten an allen Orten ging wie jedes Jahr an die evangelische Hilfsorganisation „Brot für die Welt“. Der Kusterdinger Pfarrer Martin Winter meldete eine erfreulich hohe Spendenbereitschaft – „als ob die Menschen auch damit der Finanzkrise trotzen wollten.“

Geschrieben von Pressepfarrer Peter Steinle am 25.12.2008.


  

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