Kirchenbezirk zieht Bewerbung um Kinderhaus zurück

Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer

Der Evangelische Kirchenbezirk Tübingen zieht seine Bewerbung um die Trägerschaft für das Kinderhaus im Derendinger Mühlenviertel zurück. Dies hat Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer am Freitag, 19. März Oberbürgermeister Boris Palmer mitgeteilt. Die entsprechende Entscheidung hatte am Vortag der Ausschuss Kindertagesstätten des Evangelischen Kirchenbezirks Tübingen aus finanziellen Gründen getroffen, zwei Tage nach einem Gespräch mit Vertretern der Stadt.

„Wir waren sehr interessiert, Träger dieser innovativen Einrichtung zu werden“, sagt Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer: „Wir haben viel Herzblut in die Planungen investiert und sind der Stadt in den Verhandlungen weit entgegengekommen.“ Die mehrfach verschärften Vorgaben der Stadt hätten den für den Kirchenbezirk noch finanzierbaren Rahmen zuletzt aber gleich in mehreren Punkten gesprengt.

Bei einem kalkulierten Haushaltsvolumen von jährlich rund 400.000 Euro hätte sich der Evangelische Kirchenbezirk nach einer ersten Kostenberechnung auf einen Jahresbeitrag von rund 44.000 Euro aus Kirchensteuermitteln eingestellt, erklärt Bezirksrechner Martin Schüßler: Der Rest wäre durch städtische Zuschüsse und Elternbeiträge abgedeckt worden. Nicht tragbar sei jedoch, dass die Stadt die Höhe ihrer Zuschüsse jetzt für die Dauer von fünf Jahren einfrieren wollte, obgleich sie von einer jährlichen Kostensteigerung in Höhe von rund zwei Prozent ausgehe. Die entsprechenden Mehrkosten würden sich so jedes Jahr um rund 8.000 Euro bis auf rund 40.000 Euro im fünften Jahr aufsummieren; dies hätte der Kirchenbezirk nach dem Willen der Stadt ganz alleine auffangen sollen. Weitere Mehrkosten in Höhe von 20.000 Euro würden dem Kirchenbezirk entstehen, weil er seine Erzieherinnen besser bezahle: Nach kirchlichem Tarifrecht habe jede Erzieherin zehn Wochenstunden Zeit für pädagogische Vorbereitungen, Elterngespräche, Teambesprechungen, Verwaltungsaufgaben, Ausschusssitzungen sowie die Kontaktpflege mit Grundschulen, anderen Kindergärten und Spielgruppen. Die Stadt wolle ihren Erzieherinnen künftig aber nur noch sieben Stunden dieser so genannten Verfügungszeit bezahlen und lasse den Kirchenbezirk auf den entsprechenden Mehrkosten sitzen.

Auf Unverständnis stießen bei den Vertretern des Kirchenbezirks auch zwei weitere städtische Regelungen: Der Landeszuschuss für Krippenplätze sei bis 2008 direkt an die Träger überwiesen worden, erklärt Bezirksrechner Schüßler, jetzt fließe er aber auf dem Umweg über die Kommunen in die Einrichtungen. Für die zwei Gruppen unter-drei-Jähriger im Kinderhaus Mühlenviertel gehe es dabei um jährlich rund 23.000 Euro. Die Stadt rechne diesen Landeszuschuss nun auf ihren eigenen Zuschuss an, ohne diesen aber über den bisher festgeschriebenen Anteil von 86 Prozent hinaus entsprechend zu erhöhen.

„Wir konnten gut verstehen, dass sich viele Eltern eine Fortsetzung der Trägerschaft durch die Stadt über das gegenwärtige Provisorium hinaus gewünscht haben“, sagt Dekanin Dr. Kling-de Lazzer: „Schließlich mussten viele Kinder ja schon durch den Umzug ihrer Familie einen Wechsel der Einrichtung und der Bezugsperson verkraften.“ Insofern sei die Entscheidung der Stadt für das Provisorium, um das sich der Kirchenbezirk auch beworben habe, bereits eine Vorentscheidung gewesen. Trotzdem habe der Evangelische Kirchenbezirk sein Ziel lange noch für erreichbar gehalten, die Offenheit der Eltern und der Erzieherinnen für eine evangelische Trägerschaft zu gewinnen. So habe der Kirchenbezirk zugesichert, die Mitarbeiterinnen des Provisoriums um der gewünschten Kontinuität willen für zwei Jahre weiterzubeschäftigen. Auch habe der Kirchenbezirk auf Drängen der Stadt eine zusätzliche Startfinanzierung in Höhe von einmalig rund 45.000 Euro für Einrichtungsgegenstände zugesagt. Die neuen finanziellen Vorgaben der Stadt bedeuteten nun aber das endgültige Aus für eine evangelische Trägerschaft des Kinderhauses Mühlenviertel. Bei der öffentlichen Anhörung zur künftigen Trägerschaft am kommenden Dienstag, 23. März im Derendinger Rathaus wird der Evangelische Kirchenbezirk Tübingen deshalb auch nicht mehr präsent sein.

Geschrieben von Pressepfarrer Peter Steinle am 19.03.2010.


  
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