Johannes-Reuchlin-Straße für Tübingen?

Johannes ReuchlinDer Humanist und Hebraist Johannes Reuchlin (Bild links) könnte Namensgeber werden für die bisherige Tübinger Karl-Adam-Straße. Dies schlägt der Pfarrer der Tübinger evangelischen Martinskirche, Christoph Cless, in einem Leserbrief an das Schwäbische Tagblatt vor.

Wegen der Sympathien des früheren katholischen Theologieprofessors Karl Adam für die Ideologie des Nationalsozialismus hatten sich Teile des Tübinger Gemeinderats sowie die katholische St.-Paulus-Gemeinde, die in der Karl-Adam-Straße residiert, für eine Umbenennung ausgesprochen.

Pfarrer Christoph Cless fragt in seinem Leserbrief: "Warum nach Adam nicht, der vor ihm war?"

Leserbrief von Pfarrer Christoph Cless

Ein Vorschlag zur Neubenennung der seither nach Karl Adam benannten Straße:

Es ist an der Zeit, ein jahrhundertealtes schwarzes Loch im Tübinger Gedenken zu schließen, und zwar durch einen leuchtenden Namen: Johannes Reuchlin.

Vor genau 500 Jahren erschien in Tübingen sein „Augenspiegel“. Ein Buch, das heute noch getrübter Wahrnehmung den Blick zu schärfen vermag. Im sogenannten „Judenbücherstreit“ 1510 hatte Reuchlin gegen die Vernichtung aller ‚gegen das Christentum gerichteten jüdischen Bücher’ Einspruch erhoben, die Förderung jüdischen Schrifttums gefordert und einen christlich-jüdischen Diskurs angeregt. Der Sache nach war das auch ein Einspruch gegen die Vertreibung aller Juden aus der frisch gebackenen Universitätsstadt Tübingen, die Reuchlins oberster Dienstherr Eberhard im Bart erfolgreich und mit nachhaltiger Wirkung verfügt hatte. Wie anders wäre die Geschichte von Christen und Juden verlaufen, grade auch in unserer Stadt, hätten sich die Christen rechtzeitig Reuchlins Brille aufsetzen lassen!

Mein Vorschlag würde auch dem Umstand Rechnung tragen, dass der betreffenden Straße die St.Paulus-Kirche anliegt: Reuchlin blieb, auch als die Reformation nach Württemberg kam, katholisch. Dies, obwohl sein von ihm geförderter Patensohn Philipp Melanchthon hieß. Insofern wäre eine Reuchlin-Straße in der Nähe einer katholischen Kirche nicht unpassend. Wiederum ist Reuchlins persönliche Verbindung zu Melanchthon für uns heute ein schönes Zeichen ökumenischer Zusammengehörigkeit und der gemeinsamen Verpflichtung, eines Christenmenschen zu gedenken, der seit 500 Jahren das Christentum zu seinen jüdischen Quellen
ruft.

Im „Augenspiegel“ verwahrte sich Reuchlin gegen alle Zwangsmaßnahmen gegen Juden, sei es die Zwangstaufe jüdischer Kinder oder eben die Vernichtung jüdischer Bücher: „denn Bücher sind manchen so lieb wie Kinder.“

Also, endlich eine Johannes-Reuchlin-Straße in der  Kinder- und Bücherstadt Tübingen!

Christoph Cless

>>> Wikipedia zu Johannes Reuchlin

Kommentare:

Geschrieben von Pressepfarrer Peter Steinle am 29.12.2010.


  
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