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Ein reiches, durcheinandriges Arbeitsleben

Der kleine, mit großen Natursteinplatten gepflasterte Innenhof ist idyllisch: Mit wildem Wein bewachsene Backsteinwände umrahmen große und kleine Topfpflanzen, eine Sitzgruppe und einen bunt gestreiften Liegestuhl. Monika Schnaitmann lebt hier mit ihrer Familie seit den 80er Jahren. Der ehemalige Bauernhof im Tübinger Stadtteil Derendingen ist für die Pfarrerin, Politikerin und Pädagogin ein fester Ankerplatz in ihrem „durcheinandrigen Leben“, wie sie ihren Werdegang nennt. Ende Juli geht die ehemalige Landesvorsitzende der Grünen in den Ruhestand.

Wenn Monika Schnaitmann zurückblickt, spricht sie von zwei Leben. Ihr „politisches Leben“ begann Mitte der 70er Jahre in Albstadt-Ebingen. „Dort bin ich politisiert worden“, erzählt Schnaitmann, und zwar durch einen politisch engagierten Klassenlehrer auf dem Wirtschaftsgymnasium. Zunächst war die Gymnasiastin parteipolitisch anders unterwegs, als man vielleicht vermutet. Zusammen mit dem späteren Tübinger Regierungspräsidenten Hubert Wicker und dem späteren Präsidenten des Deutschen Sparkassenverbandes Heinrich Haasis hat Monika Schnaitmann in Albstadt-Ebingen den Ortsverband der Jungen Union gegründet.  Später im Studium kam sie mit den ökologischen und friedenspolitischen Vorstellungen von Erhard Eppler in Berührung, ließ sich davon begeistern und wäre beinahe in die SPD eingetreten. Doch weil Eppler der Rückhalt in der eigenen Partei fehlte, entschied sich die damals Anfang-30-Jährige für die Grünen.

Wie ihre schwarz-grüne Biografie vermuten lässt, sieht Monika Schnaitmann durchaus Berührungspunkte zwischen den beiden Parteien. Die Wiege der Grünen liege nicht in der Ausseinandersetzung mit der CDU sondern mit der SPD, weiß Schnaitmann. Zudem verbinde Schwarze und Grüne eine wertkonservative, bewahrende Haltung, sagt die ehemalige Grünenpolitikern.

Von 1984 an saß Monika Schnaitmann mit Unterbrechungen 25 Jahre lang für die Grünen im Tübinger Kreistag. Zwischen 1992 und 1996 war sie Abgeordnete des baden-württembergischen Landtages. 1997 wählte ihre Partei sie dann im ersten Wahlgang zur Landesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen – der Höhepunkt ihrer politischen Karriere. Vier Jahre führte sie die Partei im Südwesten, wurde 2001 aber nicht wiedergewählt. Nach dem schlechten Abschneiden der Grünen bei den Landtagswahlen, so Schnaitmann, habe man einen Schuldigen gesucht. Die Zeitungen im Land hätten ihr mit dieser Einschätzung recht gegeben, sagt sie.

Daraufhin kehrte Monika Schnaitmann der aktiven Politik den Rücken. Das andere Leben, an das sie jetzt anknüpfte, hatte schon lange vorher begonnen. „Dass der Glaube in meine Seele gekommen ist, verdanke ich meiner Kindergärtnerin“, erzählt die gebürtige Ulmerin. Die katholische Ordensschwester habe ihr ein Gottesbild nahegebracht, das sie später auch in ihrem Konfirmationsspruch wiederfand: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“, heißt es dort im ersten Johannesbrief. Die schwarze Tracht der Nonne ist auch der Grund, warum Monika Schnaitmann bis heute den Talar, die Berufskleidung evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer, liebt.

Nach dem Abitur studierte Schnaitmann an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen neben Englisch und Pädagogik auch Evangelische Theologie. Von letzterer war sie so fasziniert, dass sie dem PH-Studium ein Theologiestudium in Tübingen folgen ließ. Ihr Entschluss stand fest: „Ich wollte unbedingt Pfarrerin werden.“ Nach dem Vikariat in Sindelfingen folgten Dienstaufträge in Rottenburg, als Altenpflegeheim-Seelsorgerin und an der Tübinger Martinskirche, bevor sie sich vom Pfarrdienst beurlauben ließ und ihr politisches Leben begann.

Der Schritt aus der Politik zurück ins Pfarramt fiel Monika Schnaitmann nicht schwer, sagt sie. Seit 2003 ist sie Pfarrerin in Bodelshausen im Kirchenbezirk Tübingen, und das mit Leib und Seele. „Ich liebe mein Bodelshausen“, sagt die Seelsorgerin. Das neue Leben als Gemeindepfarrerin sei „berührender und tiefer“ als jenes, das hinter ihr liegt. „Das politische Leben war wesentlich verletzender“, bekennt die Pfarrerin, es gebe in der Politik „viele Judasse“. Ganz hat Monika Schnaitmann die alten Verbindungen aber nicht abgebrochen. So hat sie für ihre Veranstaltungsreihe „Milch-Kaffee und mehr“ prominente Landespolitiker wie Erwin Teufel, Annette Schavan, Heribert Rech oder Winfried Hermann ins evangelische Gemeindehaus nach Bodelshausen geholt. Und Ministerpräsident Winfried Kretschmann, mit dem Monika Schnaitmann gut befreundet ist, saß als Gast schon sonntagmorgens unter ihrer Kanzel.

Am 1. August beginnt Monika Schnaitmann ihr drittes Leben. „Ich habe mir vorgenommen, dass ich nicht mit dem Köfferchen im Land herumreise und Gottesdienste halte“, sagt sie. Stattdessen will sie mehr Zeit mit Ihrem Mann Gerhard verbringen. Vor vielen Jahren hat sie ihn an der Tübinger Walter-Erbe-Realschule kennen gelernt, wo die Pädagogin während ihres Theologiestudiums einige Stunden unterrichtet hat. Auch anderes, was ihr neben der Politik und dem Pfarramt immer schon wichtig war, bekommt in Zukunft mehr Aufmerksamkeit: Gastfreundschaft und ein offenes Haus, Ihre Kinder und Enkel, Wandern im Tessin und Kochen. Und die Krimi-Liebhaberin hat in Zukunft mehr Zeit zum Lesen – vorzugsweise im bunt gestreiften Liegestuhl.

Geschrieben von Andreas Föhl am 29.07.2017.


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