Zusammenrücken in einer auseinandergehenden Gesellschaft

Mit einem Gottesdienst beginnt am Sonntag um 10 Uhr die Tübinger Vesperkirche. Die evangelische Martinskirche in der Frischlinstraße verwandelt sich dann für vier Wochen bis zum 24. Februar zu einem Gasthaus und einem Raum, in dem sich ganz unterschiedliche Menschen begegnen.

In der Vesperkirche kommen Menschen zusammen, die sich normalerweise aus dem Weg gehen, betont Christoph Cless beim Pressegespräch. Menschen in prekären Situationen sitzen mit „Bürgerlichen“ an einem Tisch, nennt der Martinskirchenpfarrer ein Alleinstellungsmerkmal der Vesperkirche: „Man rückt zusammen in einer Gesellschaft, in der die Schere immer weiter auseinander geht“.

Diese Erfahrung verändert. „Man geht anders durch Tübingen“, ist sich Manuela Rubow vom Leitungsteam der Vesperkirche sicher. Nicht-Hilfsbedürftige verlören die Angst, mit Hilfsbedürftigen in Berührung zu kommen, sagt Rubow. Insbesondere die Mitarbeiter wirken in ihren Augen als Multiplikatoren. Die Vesperkirche leiste so einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag: „Ich weiß nicht, ob Tübingen ahnt, was das Vesperkirche für die Stadt bedeutet“, so Rubow.

Einen „großer Goldklumpen in der Schatztruhe der Vesperkirche“ nennt Anke Becker die vielen ehrenamtlichen Helfer, die Jahr für Jahr in der Vesperkirche mitarbeiten. In Beckers Büro im Haus der Kirche Villa Metz laufen die organisatorischen Fäden der Vesperkirche zusammen. 280 Frauen und Männer engagieren sich in diesem Jahr, erzählt sie. Davon sind 250 Mitarbeiter nicht zum ersten Mal dabei, sondern bilden einen treuen über die Jahre gewachsenen Stamm. Rund 30 „Neue“ kommen in diesem Jahr dazu, darunter auch jüngere Mitarbeiter, worüber sich Anke Becker besonders freut.

350 bis 450 Essen gibt die Vesperkirche jeden Tag zwischen 11.45 Uhr und 14 Uhr aus. Dazu ebenso viele Stücke Kuchen. Einen festen Preis gibt es nicht. Jeder Gast darf aber so viel geben, wie er kann oder möchte und viel, wenig oder gar nichts in die hölzernen Mini-Martinskirchen stecken, die auf den Tischen stehen.

In der Vesperkirche finden die Gäste bei Bedarf auch ärztliche Betreuung, juristische Beratung und seelsorgerlichen Rat. Wer möchte, kann sich frisieren, massieren oder die Füße pflegen lassen. Neu ist in diesem Jahr eine augenärztliche Beratung. Dazu kommt Professor Dr. Barbara Wilhelm von der Tübinger Augenklinik immer freitags in die Martinskirche und gibt kompetenten und kostenlosen Rat bei Augenproblemen.

Vielfältig ist auch das kulturelle Begleitprogramm der Vesperkirche. Unter anderem zeigt Sepp Buchegger eine Ausstellung seiner Zeichnungen und Karikaturen. Beim Sozialpolitischen Abend am 8. Februar um 19 Uhr geht es unter der Überschrift „Die nehmen uns alles weg“ um das Verhältnis zwischen Einheimischen in prekären Situationen und geflüchteten Menschen.

Wer die Tübinger Vesperkirche mit einer Spende unterstützen möchte, kann dies über folgende Bankverbindung tun:

Kreissparkasse Tübingen
BIC: SOLADES1TUB
IBAN: DE91 6415 0020 0004 444112

Wer einen Kuchen beisteuern will, kann sich melden bei Anke Becker, Telefon: 9304 12, E-Mail: vesperkirche@evk.tuebingen.org, Internet: www.vesperkirche-tuebingen.de.

Weitere Informationen zur Tübinger Vesperkirche sowie das komplette kulturelle Begleitprogramm gibt es auf www.vesperkirche-tuebingen.de

Geschrieben von Andreas Föhl am 26.01.2018.