Hochschulpfarrerin Inge Kirsner ist 100 Tage im Amt

„Langsam sehe ich Land“, sagt Inge Kirsner. Die ersten 100 Tage liegen hinter der neuen evangelischen Hochschulpfarrerin. Im Oktober hat sie ihr Amt angetreten. Inzwischen hat die promovierte und habilitierte Theologin die Aufgaben ihrer neuen Stelle gesichtet, erste Erfahrungen gemacht und Ideen für Neues.

„Mensch, läuft hier viel!“, sei ihr erster Eindruck gewesen, als sie im Herbst von Ludwigsburg nach Tübingen kam, erzählt Inge Kirsner. Fast zeitgleich mit ihrem Dienst begann auch das Wintersemester. Damit war die Theologin ohne Anlaufzeit mittendrin in ihren vielfältigen Aufgaben – ein echter „Kaltstart“, wie sie sagt.

Als neue geschäftsführende Hochschulpfarrerin leitet Inge Kirsner die Evangelische Studierendengemeinde (ESG), ist für deren Gebäude, das Adolf-Schlatter-Haus, verantwortlich und organisiert das ESG-Veranstaltungsprogramm. Sie ist Studienleiterin des Karl-Heim-Hauses, eines Studierendenwohnheimes der Evangelischen Landeskirche mit rund 100 Bewohnern. Sie hält den Kontakt zur evangelisch-theologischen Fakultät und zur Universität Tübingen, organisiert die wöchentlichen Hochschulgottesdienste und ist zudem auch Pfarrerin der Tübinger Stiftskirchengemeinde, wo sie regelmäßig Gottesdienste hält. Zu jedem dieser Arbeitsbereiche gehört mindestens ein Gremium, was für die Hochschulpfarrerin auch jede Menge Sitzungen bedeutet.

Trotz der Vielfalt an Aufgaben hat Inge Kirsner Energie für Neues. So sollen in den Hochschulgottesdiensten in Zukunft nicht nur Theologen auf der Kanzel stehen. Im kommenden Sommersester werden der Hohenheimer Agrarökonom Stephan Dabbert und die Tübinger Erziehungswissenschaftlerin Karin Amos jeweils in einem Hochschulgottesdienst predigen. Zudem denkt die Filmliebhaberin darüber nach, in Zusammenarbeit mit Tübinger Kinos Filmreihen zu bestimmten Themen anzubieten und in der Stiftskirche Filmgottesdienste zu feiern.

Aufgewachsen ist Inge Kirsner im oberschwäbischen Kißlegg. Die heute 55-Jährige wurde katholisch getauft, kehrte ihrer Kirche nach dem Abitur jedoch den Rücken und machte sich auf die Suche nach einer neuen religiösen Heimat. „Ich habe mich im freikirchlichen Bereich umgeschaut“, erzählt die Hochschulpfarrerin. Dabei sei sie aber immer wieder auf „Grenzen“ und „Denkverbote“ gestoßen. Die „Kirche mit der größten Freiheit“ und der größten Meinungsvielfalt habe sie dann in der evangelischen Landeskirche gefunden.

Das war in Hamburg, wohin es Inge Kirsner nach der Schule gezogen hat, um „etwas ganz anderes“ kennen zu lernen. Dort, am „Tor zur Welt“, hat sie zunächst Afrikanistik, Germanistik und Ethnologie studiert. Dann ist sie auf evangelische Theologie umgeschwenkt und infolgedessen Mitglied der evangelischen Kirche geworden.

Ihr Theologiestudium führte Inge Kirsner auch nach Tübingen, allerdings nur für ein Semester. Im Lehrangebot der evangelisch-theologische Fakultät fand sie damals „nichts, wo ich hätte andocken können“, wie sie sagt. Denn die junge Theologin interessierte sich für die Verbindung von Theologie und Populärkultur, insbesondere im Film – ein Bereich, der an der Tübinger Uni in den 80er Jahren keine Rolle gespielt habe. In Hamburg dagegen schon. Dort konnte man mit diesem Thema sogar promoviert werden. „Wie im Spiegel ein dunkles Bild. Exemplarische Untersuchungen zur Erlösung im Film.“ lautet der Titel ihrer Dissertation. Nach Studium und Promotion übernahm Inge Kirsner die Geschäftsführung des Zentrums „Kino und Kirche“ für den Deutschen Evangelischen Kirchentag, der 1995 in Hamburg stattfand und arbeitete anschließen ein halbes Jahr als Erzieherin.

Eigentlich wollte die Theologin in Hamburg bleiben. Da aber der Ort, an dem sie ihr Abitur gemacht hatte, vorgab, in welcher Landeskirche sie Pfarrerin werden konnte, kehrte sie nach Württemberg zurück. In ihrem Heimatort Kißlegg holte sie das in der württembergischen Landeskirche für Theologiestudierende obligatorische Gemeindepraktikum nach und war anschließend drei Jahre Bildungsreferentin im Stuttgarter Hospitalhof. So lange dauerte damals die Wartezeit zwischen Studium und Vikariat.

Dem Vikariat an der Stuttgarter Friedenskirche folgte eine Pfarrstelle als Pfarrerin zur Anstellung in Altenriet bei Nürtingen. Dann wechselte Inge Kirsner in den Schuldienst und unterrichtete evangelische Religionslehre am Stuttgarter Schickhardt-Gymnasium. 2006 berief die Universität Hamburg die Theologin für drei Jahre auf eine Juniorprofessur für Praktische Theologie. Anschließend kehrte die Pfarrerin in den Schuldienst zurück, diesmal am Stuttgarter Solitude-Gymnasium. 2012 schloss sie ihre Habilitation ab mit dem Titel: „Kirchenbilder und Menschenbildung. Religionspädagogische Studien im Spannungsfeld von Medien, Bildung und Religion“. Anfang 2013 wurde sie Hochschulpfarrerin in Ludwigsburg und im gleichen Jahr Privatdozentin für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Paderborn. Dort hält sie bis heute Blockseminare.

Inge Kirsner ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter. In ihrer Freizeit geht sie – wie könnte es anders sein – gerne ins Kino. Ihre Lieblingsfilme sind zwei Sciencefiction-Klassiker: der erste Teil der Alien-Saga und Blade Runner. An aktuellen Filmen kann sie den japanische Streifen Shoplifters empfehlen, der im vergangenen Jahr in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Geschrieben von Andreas Föhl am 28.01.2019.